was wäre, wenn
- una seeli

- 5. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Dez. 2025
kreativity unplugged
think wild – and take humor seriously

© una seeli
die Zukunft kommt von vorn
Was wäre, wenn wir das könnten – unverfälscht kreativ angepasst sein?
Wenn wir gelernt hätten, uns einzugliedern, ohne uns zu verbiegen – und dabei schöpferisch zu bleiben? Wenn wir in der Lage wären, beide Bedürfnisse in uns zu stillen– Zugehörigkeit und Autonomie?
Kinder, die heute in die Schule kommen, werden voraussichtlich bis ins Jahr 2090 arbeiten. Was sie dort erwartet – in der Welt, die wir Zukunft nennen – kann heute niemand wirklich voraussehen. Rasanter technologischer Wandel, gesellschaftliche Umbrüche, ökologische Kipppunkte: Die Zukunft ist offen, komplex und unberechenbar. Jobs verschwinden, andere schiessen in rasendem Tempo aus dem Boden. Und doch bauen wir weiterhin auf Bildungssysteme von gestern – als könnten sie die Probleme von morgen lösen. Wir setzen zu einseitig auf Standardisierung statt auf Vielfalt, auf Fehlervermeidung, statt auf Entdeckungsfreude.
Es kann nicht oft genug gesagt werden: Kreativität ist keine Kür – sie ist eine Lebenskompetenz.
Denn nur, wer neue Wege denken, mit Unsicherheit umgehen und ungewöhnliche Lösungen entwickeln kann, wird sich in einer Welt behaupten können, in der Wissen jederzeit in Sekunden verfügbar, aber Orientierung rar ist.
die Kunst, sich in Polaritäten zu bewegen
Beginnen wir für einmal damit, worum es nicht geht: einfach alles ins Gegenteil zu verkehren.
Und doch neigen wir genau dazu – sobald wir irgendwo einen Missstand erkennen, schlagen wir um. Statt behutsam und neugierig Spiel- und Denkräume auszuloten und konsequent zu erweitern, kippen wir einfach ins andere Extrem.
Drei Beispiele, die mir im Alltag begegnen:
Beruf und Karriere
Früher: Pflichtgefühl, linearer Lebenslauf, Aufopferung bis zur Selbstaufgabe.
Heute: Selbstverwirklichung um jeden Preis – oft ohne Erdung.
Der Effekt: Die berechtigte Kritik an toxischer Leistungskultur führt in manchen Kreisen zu einer Entwertung von Verbindlichkeit, Disziplin und Durchhaltevermögen – statt zu einer neuen, gesunden Leistungsdefinition.
von Ausgrenzung zu Hyperfokus
Früher: Unsichtbarkeit, Unterdrückung, Ausschluss von Minderheiten.
Heute: Überbetonung von Identität als alleinige Selbstdefinition.
Der Effekt: Wo ursprünglich Gleichwertigkeit angestrebt war, entsteht nun oft eine neue Form der Trennung – nicht mehr durch Ignoranz und Unsichtbarkeit, sondern durch Übermarkierung und Überbetonung.
Erziehung & Schule
Früher: Strenge, Kontrolle, Gehorsam.
Heute: Individualisierung bis zur Auflösung – jede Grenze wirkt verdächtig.
Grenzen gelten oft als potenziell problematisch und werden heute schnell in Frage gestellt – aus Angst, autoritär zu wirken. Die Absicht ist gut: Kinder sollen ernst genommen, gestärkt und gehört werden. Das Problem ist nur, wenn jede Grenze reflexhaft abgelehnt wird, entsteht keine Freiheit – sondern Unsicherheit. Kinder brauchen Orientierung und Halt. Sie brauchen Erwachsene, die die Verantwortung übernehmen, Vorbild sind und die Kinder schrittweise zur Eigenverantwortung hinführen.
Der Effekt: Statt Balance zwischen Führung und Freiheit erleben Kinder oft diffuse Orientierungslosigkeit. Autorität wurde nicht in Verantwortung und Beziehung verwandelt – sie wurde einfach abgeschafft.
sowohl als auch – die Balance der Gegensätze
Kreativität zu fördern, bedeutet nicht, jede Aufgabe in ein schöpferisches Experiment zu verwandeln oder sämtliche Strukturen aufzuweichen. Es heisst, Kinder zu befähigen, zwischen freiem Ausdruck und funktionalen Anforderungen unterscheiden zu können – und beides souverän einzusetzen.
Struktur und Spiel gehören zusammen. Wer eine Bewerbung schreibt, braucht Klarheit und Fokus. Wer Ideen entwickelt, braucht Offenheit und Raum. Damit Kinder in beiden Welten sicher navigieren, brauchen sie Räume, in denen kreatives Denken ausdrücklich willkommen ist – sichtbar, bewusst, lebendig. Nicht als Dauerschleife, sondern als Haltung eines Lernumfelds, das Vielfalt ernst nimmt.
wir sind beides
Es geht um ein Sowohl-als-auch, nicht um ein Entweder-oder.
Kinder sollen sich in beiden Polen sicher bewegen können und dabei lernen, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Die Kunst des Balancierens dieser Gegensätze bedeutet nicht, sich vorsichtig in der Mitte zwischen den Extremen zu bewegen, sondern darin, beide Pole voll auszuschöpfen – und Gegensätze zu integrieren. Denn wir brauchen beides – wir sind beides.
In einer Zeit, in der konstruktives wie destruktives Wissen mit den unglaublichsten, gewaltigsten Sprüngen in ein fantastisches Atomzeitalter eilt, stellt ein unverfälscht kreatives Angepasst-Sein offensichtlich die einzige Möglichkeit dar, um mit der kaleidoskopischen Veränderung der Welt überhaupt Schritt halten zu können.
– Carl Rogers
Unsere Aufgabe ist es, das ganze Wesen der Kinder auszubilden – nicht nur ihren Kopf. Denn, was Robinson vor fast 20 Jahren treffend sagte, gilt auch heute:
"Wir werden diese Zukunft vielleicht nicht mehr erleben, sie aber schon. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, etwas daraus zu machen."
creative practice:
Spiel eine Partie Schach. Trink einen guten Whisky dazu.

schach © freestockgallery.de



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