serendipity
- una seeli

- vor 5 Tagen
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kreativity unplugged
think wild – and take humor seriously

chur by night – foto © una seeli
bitte was?
Serendipity beschreibt ungeplante, glückliche Entdeckungen – Zufälle, die unser Leben bereichern, ohne Teil eines Plans zu sein.
Geprägt wurde der Ausdruck im 18. Jahrhundert vom Schriftsteller und Politiker Horace Walpole. Der Begriff stammt aus einer Erzählung über die „drei Prinzen von Serendip“, die immer wieder durch Zufall und Scharfsinn auf Entdeckungen stiessen, nach denen sie gar nicht gesucht hatten.
Serendipity ist aktives Glück
Christian Busch, der Autor von Erfolgsfaktor Zufall, widerspricht in seinem Buch der weit verbreiteten Vorstellung, Serendipity sei blosses Glück. Stattdessen versteht er sie als aktive Haltung: Zufall trifft auf Aufmerksamkeit. Und dann auf Mut. Und dann auf Handlung. Oder anders formuliert:
Chance favors the prepared mind.
– Louis Pasteur
connect the dots
Wir haben gerne einen Plan. Meistens kommt es anders.
Serendipity ist kein einzelner Moment, sondern ein Prozess, der sich in einem dynamischen Feld entfaltet – Christian Busch spricht vom Serendipitätsfeld. Entscheidend ist, was wir mit dem tun, was uns begegnet.
Am Anfang steht ein Auslöser: eine Beobachtung, ein Gespräch, ein Fehler, ein Zufall. Etwas, das irritiert oder kurz hängen bleibt.
Darauf folgt Assoziation. Wir beginnen, Verbindungen herzustellen – zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir bereits wissen. Zwischen losen Enden, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Es braucht Scharfsinn, Originalität und die Fähigkeit, rasch zu filtern, um den Wert zu erkennen und die Beziehung zu sehen.
Dann kommt der oft unterschätzte Teil: Ausdauer. Serendipity zeigt sich selten sofort. Sie verlangt Aufmerksamkeit über Zeit, das Dranbleiben an einer Idee, auch wenn sie noch unscharf ist oder keinen klaren Nutzen erkennen lässt. Es braucht die Bereitschaft, in scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen ein Muster zu vermuten, es zu formen – und zu nutzen. Die losen Enden greifen – die Punkte verbinden.
Der Zufall liefert nur den Impuls. Erst unsere Interpretation macht ihn wirksam. Serendipity ist aktives Glück. Sie hängt von unserer Fähigkeit ab, die Beziehungen zu erkennen und die Punkte zu verbinden. Das ist eine handlungsorientierte Sicht, die mir gefällt.
Serendipity passiert, sobald wir lernen, uns selbst zu vertrauen.
– Christian Busch
creative living – überwinden, was uns zurückhält
Kreativität lebt von Flexibilität, von Originalität, Neugier und Risikobereitschaft. Sie entsteht selten dort, wo alles unter Kontrolle ist. Eher dort, wo wir bereit sind, Kontrolle ein Stück weit loszulassen.
Nicht als Anleitung, eher als innere Bewegung: Eine serendipitäre Haltung zeigt sich darin, offen zu bleiben für das, was uns überrascht. Umwege nicht vorschnell auszuschliessen. Und das Schwarz-Weiss-Denken zu lockern – nicht alles sofort zu bewerten oder zu kategorisieren, sondern erst einmal zu fragen: Wozu könnte das gut sein?

© una seeli
In einer kreativen Lebensführung – ob künstlerisch, unternehmerisch oder persönlich – wirkt Serendipity wie ein Resilienzverstärker. Wer Zufälle als Einladung begreift, bleibt handlungsfähig, auch wenn Pläne abweichen oder scheitern. Serendipity hilft uns, Unsicherheit auszuhalten – und mit ihr zu arbeiten. Denn sie entsteht selten im perfekten Workflow. Eher in beiläufigen Momenten:
Ein Gespräch, das als Small Talk beginnt, plötzlich klickt und etwas in Bewegung setzt.
Ein Fehler, den man lieber verstecken würde – und genau der macht’s interessant.
Eine Idee, die nicht in den Plan passt, sich querstellt, Zeit kostet – und später die beste war.
Kreativität ist nicht nur Output. Sie ist ein Betriebssystem dafür, wie wir wahrnehmen, reagieren und Verbindungen herstellen.
We do not see things as they are. We see them as we are.
– Anaïs Nin
make accidents meaningful
Serendipity taucht dort auf, wo jemand hängen bleibt und innehält. Wo etwas irritiert, vielleicht stört, aber nicht sofort weggeräumt wird. Ob daraus etwas Relevantes entsteht, zeigt sich immer erst später.
Penicillin
Als Alexander Fleming 1928 in den Urlaub fuhr, arbeitete er an Staphylokokken, Bakterien, die schwere Infektionen auslösen. Seine Kulturen liess er im Labor stehen. Als er zurückkam, waren einige verdorben, von Schimmel befallen. Ein Routinefehler, eigentlich. Fleming sah genauer hin. Ihm fiel auf, dass dort, wo der Schimmel wuchs, die Bakterien abgestorben waren. Er beobachtete, dokumentierte, dachte weiter – und legte damit den Grundstein für die Entdeckung des Penicillins. In einer Zeit, in der Infektionen oft tödlich endeten, öffnete sich ein neuer medizinischer Horizont. Die Entdeckung entstand aus Aufmerksamkeit, Kontextwissen und der Bereitschaft, einen Umweg ernst zu nehmen.

Klettverschluss
Auch George de Mestral begann mit etwas Unscheinbarem. Nach einem Spaziergang blieben Kletten an seiner Kleidung und am Fell seines Hundes hängen. Statt sie abzustreifen, untersuchte er sie unter dem Mikroskop. Er erkannte ein funktionales Prinzip: winzige Haken, perfekt konstruiert. Daraus entwickelte er den Klettverschluss – keine schnelle Idee, sondern hartnäckiges, jahrelanges Testen. Serendipity zeigte sich hier als Beharrlichkeit und als Fähigkeit, im Alltäglichen ein System zu erkennen.

by Kamranki - Own work, CC BY-SA 4.0
Street Photography
Und in der Kunst? Besonders deutlich wird das Phänomen Serendipity in der Fotografie, einem Medium, das vom Zufall lebt und ihn zugleich bändigen muss.
Photography is the simultaneous recognition, in a fraction of a second, of the significance of an event.
– Henri Cartier-Bresson
In der Street Photography wird Serendipity zur Haltung. Henri Cartier-Bresson bewegte sich mit maximaler Wachheit für das, was sich im nächsten Moment ergeben könnte, während er durch Städte ging. Seine berühmten Bilder entstanden dort, wo Menschen, Raum und Bewegung für Sekundenbruchteile zusammenfielen. Kein Setup, kein Nachstellen, keine Inszenierung. Der Zufall lieferte die Szene. Bedeutung bekam sie durch das Erkennen – und Festhalten – dieses einen Moments.

by Ihei Kimura - 田沼武能監修『木村伊兵衛 写真に生きる』クレヴィス、2021年11月13日
Was diese Beispiele verbindet, ist weniger der Zufall selbst als der Umgang mit ihm. Serendipity zeigt sich dort, wo wir aufmerksam beobachten, verbinden und dranbleiben. Wo ein unscheinbarer Moment nicht sofort abgeheftet, sondern weitergedacht wird, weil wir ihm Zeit, Aufmerksamkeit und Richtung geben.
twist
Serendipity verschiebt den Fokus. Weg von Kontrolle, hin zum Moment. Weg vom Plan, hin zu Erkundung.
Kreative Energie entsteht als Antwort auf das, was da ist – nicht aus Zielerreichung. Wir sehen mehr als das Erwartbare – und folgen dem Impuls, aus dem, was auftaucht, etwas zu machen.
Serendipity is not about luck. It’s about making meaning.
– Christian Busch
lesenswert:
Erfolgsfaktor Zufall.
Autor: Christian Busch. Murmann Verlag, Hamburg 2021, 1. Aufl., 304 S., ISBN 978-3-86774-676-0



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