mindmapping
- una seeli

- 21. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Dez. 2025
kreativity unplugged
think wild – and take humor seriously

© una seeli
mind the map – Erkunden als schöpferischer Akt
Erkunden – sammeln – recherchieren. Lange habe ich die erste Phase jedes kreativen Prozesses unterschätzt. Diesem Erkundungsraum hatte ich keine zentrale Rolle zugeschrieben. Und so blieb meine Auseinandersetzung mit den Fragestellungen und Recherchen vorerst eher flüchtig. Ich wollte schnell "ins richtige Arbeiten" kommen.
Erst durch die Verbindung meiner künstlerischen Praxis mit wissenschaftlichem Arbeiten wurde mir klar, wie entscheidend diese Anfangsphase ist. Wer sich Zeit nimmt, Fragen zu stellen, Kontexte zu verstehen und Bezüge zu entdecken, arbeitet nicht weniger produktiv – sondern radikaler, mehr in die Tiefe. Mindmaps sind für mich mehr als ein Ordnungssystem. Sie sind Denkraum, ein Werkzeug, das hilft, innere Karten zu visualisieren – und Zusammenhänge sichtbar zu machen, wo zuvor nur Nebel war.
I call them narrative structures. They’re meant to clarify – not confuse.
– Mark Lombardi
Auch in der Kunst lässt sich dieses Denken entdecken. Olafur Eliasson etwa entwickelt Research Maps als interdisziplinäre Sammelwände, um Gedanken, Themen und Fragmente zu verknüpfen.
Oder Mark Lombardi, der die Mindmap zum Bild macht. Seine grossformatigen Zeichnungen visualisieren Macht- und Geldströme wie Landkarten eines unsichtbaren Systems. In ähnlicher Weise arbeiten auch Thomas Hirschhorns raumgreifende Installationen mit der Methode des wilden Sammelns und Ordnens – als Collage, Manifest und Denkarchitektur zugleich.
Mindmapping ist hier nicht bloss Mittel zum Zweck, sondern Teil der künstlerisch-visuellen Sprache. Aus dem Suchen wird ein schöpferischer Akt.
denken in Netzwerken
Unser Gehirn liebt Bilder, Assoziationen, Querverbindungen. Es denkt nicht in Tabellen, sondern in Netzwerken – nicht linear, vielmehr assoziativ. Genau das greift Mindmapping auf: Es macht unser Denken mehrdimensional sichtbar.
Entwickelt wurde die Methode in den 1970er-Jahren vom britischen Autor Tony Buzan. Sein Anliegen: eine visuelle Technik, die das Denken nicht begrenzt, sondern entfaltet. Statt von oben nach unten zu schreiben, breiten sich beim Mindmapping Gedanken strahlenförmig aus – wie ein neuronales Netz, das sich in alle Richtungen erweitert.
Wir kennen das alle: Gedanken kommen nicht linear und geordnet, sondern sprunghaft, chaotisch, manchmal blitzartig. Genau dafür ist Mindmapping gemacht. Es erlaubt uns, Gedankenfetzen und Ideenblitze zu sammeln, zu sortieren, weiterzuspinnen – ohne sie sofort in sauberen Sätzen formulieren zu müssen. Wir können innerhalb von Themenfeldern springen – so schnell und flexibel wie unsere Gedanken selbst. Die Methode spricht beide Gehirnhälften an: die analytische linke und die bildhafte rechte. Und gerade diese Verbindung macht sie so kraftvoll. Sie strukturiert, ohne einzuengen und ermöglicht offene Denkräume.
was du davon hast
Mehr Ideen – und das schneller.
Bessere Orientierung – ohne Verkopfung.
Tiefe und Überblick – gleichzeitig.
Ein Werkzeug für alles – von Brainstorming über Planung bis hin zur Reflexion.
Und vor allem: ein Zugang zu deinem Denken, wie es wirklich funktioniert.
Mindmapping ist nicht für alle sofort selbstverständlich. Es wirkt auf manche zuerst chaotisch – gerade, wenn man stark textbasiert denkt. Gib dir und der Methode Zeit. Es lohnt sich.
so geht’s
Mindmapping ist ein starkes Werkzeug, um kreative Gedanken sichtbar zu machen. Alles, was du brauchst: eine leere Fläche und Schreibwerkzeug – am besten bunt.
1. starte in der Mitte
Schreib dein Thema, deine Frage oder dein Projekt in die Mitte des Blatts. Das ist dein Ausgangspunkt – der Kern deiner Landkarte.
2. sammle frei drauflos
Welche Begriffe, Ideen, Assoziationen tauchen auf? Schreib alles auf, was dir einfällt – spontan, wild, ungefiltert. Jeder Gedanke bekommt seinen eigenen Ast.
3. verzweige
Verbinde deine Gedanken mit Linien. Neue Ideen, Beispiele oder Unterthemen entstehen als Äste oder Unteräste. Du darfst in alle Richtungen denken!
4. nutze Farben und Bilder
Farben helfen, Gruppen zu erkennen. Kleine Skizzen, Symbole oder Bilder machen das Ganze lebendig. Je visueller, desto vernetzter denkt dein Gehirn.
5. ordne nachträglich – wenn du willst
Du musst nicht von Anfang an logisch vorgehen. Erstmal raus damit – danach kannst du Ähnliches clustern, Wichtiges hervorheben, Verbindungen stärken.
6. schau aus der Vogelperspektive
Was siehst du? Wo stecken interessante Verbindungen? Wo fehlt noch was? Eine Mindmap ist kein Ergebnis – sie ist ein Denkprozess. Und manchmal auch ein Kunstwerk.
Mindmap kann Kunst
Was passiert, wenn eine Methode selbst zur Kunst wird? Mindmaps tauchen in der zeitgenössischen Kunst nicht nur als Werkzeug im Atelier auf, sondern auch als sichtbare, erfahrbare Formen. Künstler:innen nutzen sie, um komplexe Themen, Netzwerke oder Gedankengänge sichtbar zu machen – als Bilder, Räume oder installative Systeme.
Mark Lombardi
Lombardi war ein Pionier darin, Machtstrukturen wie Finanzskandale oder politische Netzwerke in riesigen Diagrammen zu visualisieren. Seine Zeichnungen wirken wie investigative Mindmaps – klar, analytisch und auf eigene Weise spielerisch.

middle east broadcasting centre, 2000 https://www.galeriethomasschulte.com/artworks/2340-mark-lombardi-middle-east-broadcasting-centre-london-c.-2000/
Thomas Hirschhorn
Hirschhorn macht aus dem Prinzip des Mindmappings etwas Wildes, Überbordendes. Seine Installationen gleichen explodierten Gedankenarchiven: Bilder, Texte, Zitate, Klebeband – alles ist verknüpft, alles spricht. Seine Werke sind nicht geordnet im klassischen Sinn, sondern denken laut. Sie sind begehbare Mindmaps.

simone weil-map, 2020 https://www.thomashirschhorn.com/maps-schemas/
Olafur Eliasson
Olafur Eliasson arbeitet intensiv mit Research Maps, um Themenfelder aufzufächern, bevor überhaupt ein Werk entsteht. In seinem Studio hängen ganze Wände voll mit Notizen, Fotos und Konzeptskizzen – ein kollektives Denken in Netzen. Diese Materialien sind manchmal selbst Teil einer Ausstellung, wie im „Expanded Studio“ in der Tate Modern. Die Maps sind Teil eines kollaborativen Prozesses, der Kunst, Wissenschaft, Aktivismus und Bildung miteinander verbindet.

research map, 2019 https://olafureliasson.net/researchmap/?2019
Robbie Williams
Und selbst in der Popkultur begegnet uns die Methode: Robbie Williams zeigt in Interviews und Dokus, wie er mit visuellen Mindmaps seine Musikprojekte entwickelt – mit Worten, Themenclustern und farbigen Markierungen auf riesigen Papierbögen.
Im Moco Museum in Barcelona bin ich auf eine Postkarte gestoßen – eine Arbeit von Robbie Williams mit dem Titel Things I have hidden so I fit in (2023). Das Bild zeigt ein dichtes Netz aus farbigen Feldern, angeordnet wie eine Mindmap oder ein Gedankenlabyrinth: Aussagen zwischen Geständnis, Vorwurf und Angst. Von „that I’m scared“ über „the fact that you broke my heart“ bis hin zu „your toxic masculinity“ und „how unimpressed I am“.
Mich fasziniert daran weniger die prominente Signatur des Musikers als die schonungslose Offenheit der Aussagen. Es ist, als würden innere Notizen, die wir sonst sorgfältig verstecken, plötzlich laut ausgesprochen – radikal offen und ehrlich.

eigene illustration, inspiriert von robbie williams’ things I have hidden so I fit in (moco museum, 2023)
was diese Arbeiten alle gemeinsam haben?
Sie denken nicht linear. Sie machen das Wie des Denkens sichtbar – und somit zum Teil des Was.
Mindmapping wird hier zum künstlerischen Statement – und zur Einladung, die Komplexität der Welt in einer eigenen Sprache sichtbar zu machen.
inspirierend:
Robbie Williams and his Art – Interview 2025

robbie williams: my way – live in münchen, olympiastadion, 26.7.2025 https://www.youtube.com/watch?v=TeEc__HLcjM



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