losmachen – trennen – abkratzen
- una seeli

- 30. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
kreativity unplugged
think wild – and take humor seriously

jacques villeglé – créteil ville nouvelle, 1975
ein Akt des Sichtbarmachens
Etwas Neues kann entstehen, weil wir hinzufügen und ergänzen – aber ebenso, indem wir wegnehmen und reduzieren.
Décollage ist das Gegenteil von Collage. Ein bestehendes Bild wird zerstört, um etwas anderes freizulegen. Jede Schicht, die verschwindet, öffnet eine neue. Kanten, Risse, unfertige Übergänge werden nicht korrigiert, sondern bewusst gesucht. Es ist ein Akt des Entfernens – und gleichzeitig des Sichtbarmachens.
These posters are magnificent visual poems…
– Michel Giroud
zwischen gewollt und unvorhersehbar
Das Wort „décoller“ kommt aus dem Französischen und bedeutet abheben, losmachen, trennen, abkratzen.
Die Technik wurde im Paris der 1950er-Jahre als Gegenbewegung zur Collage entwickelt. Statt Bilder und Texte selbst zu komponieren, entdeckten Künstler wie Jacques Villeglé oder Raymond Hains die Plakatwände der Stadt als Kunstwerk. Überlagerungen von Werbung, Konzertankündigungen und politischen Slogans – vom Wetter gezeichnet und von Passant:innen in Fetzen abgerissen. Wir kennen diese rohe Schönheit, die manchmal im Alltäglichen schon da ist.
Die Décollage wurde dabei nicht als ein Akt des Zerstörens verstanden, sondern als ein Freilegen. Unter den obersten Schichten kamen andere Bilder zum Vorschein, die sich zu neuen, zufälligen Kompositionen verbanden. So entstand ein Dialog zwischen dem Gewollten (der ursprünglichen Botschaft) und dem Unvorhersehbaren (den Rissen, Überlagerungen, Farbsprengseln).
was du davon hast
Perspektivwechsel – freilegen und Schönheit entdecken im "perfectly imperfect".
Material als Ausgangspunkt – Bestehendes zum Rohstoff für frische Ideen machen.
Kontrolle loslassen – dich dem Unvorhersehbaren anvertrauen.
Und: Eine Technik, die dich erleben lässt, wie das Zerstören des einen unweigerlich die Entstehung von etwas anderem anstösst.
so geht's
Eine Décollage kann überall beginnen, wo Schichten existieren: Plakate, Papier, Tapeten, Karton, Zeitungen oder bemalte Oberflächen.
Schichten vorbereiten oder finden: Mehrere Lagen Papier oder Plakate übereinanderkleben. Unterschiedliche Farben, Muster oder Texte erhöhen den Überraschungseffekt.
Bearbeiten: Mit den Fingern, einem Spachtel, Messer oder Schleifpapier Teile abtragen, reissen oder aufkratzen. Überlass dich dem Material und gib Kontrolle ab – die Technik lebt vom Zufall.
Feuchtigkeit einsetzen: Wasser (Sprühflasche, nasser Schwamm) kann die oberen Lagen anlösen und so neue Strukturen erzeugen.
Rahmen setzen: Auch wenn Décollage vom Zufall lebt, kannst du entscheiden, wann du stoppst – es ist dieser Moment, der das Bild zu deinem Bild macht.
Décollage ist kein lineares Machen, sondern ein Erkunden von Schichten und visuellen Zusammenhängen. Wir arbeiten mit Material, Zufall und Zeit. Jede Lage erzählt eine andere Geschichte.
Chance – I love it. It breaks through notions of control, of knowing what you are going to do before you do it ... Also, it can bring in something totally new and unexpected... a cure of boredom,
– Rose Wylie
before Street Art was Streetart
In den 1950er-Jahren gab es den Begriff „Street Art“ noch nicht. Aber Künstler wie Jacques Villeglé und Raymond Hains nutzten bereits damals die Strassen von Paris als Fundgrube für ihre Kunst.
Villeglé sprach von „urbaner Typographie“, Hains von „affiches lacérées“ – zerrissene Plakate, die nicht nur Werbung, sondern auch Zeitgeschichte in sich trugen.
Jacques Villeglé

jacques villeglé, rue du temple, 1967
Raymond Hains

raymond hains – décollage (panneau d’affichage), 1989-1990
Mimmo Rotella
Während in Paris die Affichisten wirkten, entwickelte Mimmo Rotella in Rom seine eigene Form der Décollage.
Auch er nutzte Plakatwände als Ausgangspunkt – allerdings griff er direkt in das Stadtbild ein. Rotella riss Werbeplakate von den Wänden, trug Schichten ab und montierte die Fragmente auf Leinwand. Er nannte diese Arbeiten "retro d’affiches" – eine explosive Mischung aus Popkultur, Politik und Alltagsästhetik.

mimmo rotella – i due visi, 1962
Robert Rauschenberg
Zur selben Zeit ging Robert Rauschenberg in den USA einen eigenen Weg. Er kombinierte das Prinzip des Abtragens mit Malerei, Siebdruck und Collage. Seine combine paintings zeigten vielschichtige Oberflächen – aufgerissen, übermalt, überklebt. Bei ihm wurde das Entfernen zu einem Dialog zwischen dem Vorhandenen und dem Eingriff des Künstlers.

robert rauschenberg – scanning, 1963
creative practice:
Fahr nach Paris. Sammle Fundstücke in den Strassen und kreiere daraus...
Les Livres de Vie
Autorin: Eva Aeppli. Kehrer Verlag, Heidelberg 2006, 1. Aufl., 288 S., ISBN 978‑3‑936636‑78‑9

les livres de vie, S. 194 / 195



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