kreatives produkt?
- una seeli

- 15. Mai
- 6 Min. Lesezeit
kreativity unplugged
think wild – and take humor seriously

mood collage © una seeli
bahnbrechend neu ist relativ – und relativ selten
„Nicht jedes kreative Denken führt zu einem bahnbrechenden Werk. Muss es auch nicht. Entscheidend ist, dass etwas entsteht – ein Bild, ein Text, ein Gedanken-Konstrukt, die Lösung eines Problems, ein Song. Bahnbrechend neu ist relativ und relativ selten. Und das ist gut so, alles andere wäre viel zu anstrengend“ (Rudeltier Kreativität).
muss es immer der grosse Wurf sein?
Im Unterschied zur Fantasie ist die Kreativität der Motor, der tatsächlich etwas hervorbringt – ein gestaltetes Objekt, eine neue chemische Formel, ein Musikstück usw. Die Kreativität wird letztlich an einem erzeugten Produkt gemessen.
– Kirchner & Peez
Wenn wir über Kreativität sprechen, denken wir schnell an grosse Namen: Frida Kahlo, Albert Einstein, Marie Curie, Thomas Edison.
Aber nicht jedes kreative Handeln führt zu einer kulturellen Revolution. Kreativität kann auch kleiner, leiser, alltagsnäher sein – und dennoch bedeutsam. Der Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi unterscheidet deshalb zwischen der kleinen Kreativität – Little C – und der grossen Kreativität – Big C.
Und: Ein kreatives Produkt muss nicht zwingend ein materielles Objekt sein. Es kann ebenso etwas Vergängliches sein – eine Handlung, ein Gedanke, eine Aktion, die verschwindet, sobald sie realisiert wurde. Philippe Petit nannte das l’art pour l’art.
l’Art pour l’Art

Wenn ich drei Apfelsinen sehe, muss ich jonglieren. Und wenn ich zwei Türme sehe, muss ich gehen.
– Philippe Petit
Mit diesen Worten antwortete der französische Seiltänzer Philippe Petit, als ihn die Polizei nach seiner spektakulären Aktion befragte: An einem Morgen um 7:50 Uhr überquerte er das Seil, das zuvor mit einer Armbrust von einem Turm des New Yorker World Trade Centers zum anderen geschossen worden war. Die Philosophie des Drahtseilkünstlers: l’art pour l’art – Kunst um der Kunst willen.
Petit's Aktion ist ein Sinnbild radikaler Hingabe und Gestaltungsfreude: etwas tun, weil man nicht anders kann, ein „inneres Müssen“, ein inneres Gedrängtwerden, das uns vorwärts schiebt.

Petit's Beispiel zeigt: Kreative Produkte müssen nicht dauerhaft, greifbar oder wirtschaftlich verwertbar sein. Sie können im Augenblick bestehen – und trotzdem von kultureller Bedeutung werden. Petit's Seiltanz war flüchtig, aber er schrieb sich als Bild in die kollektive Erinnerung ein. Hier öffnet sich die Perspektive zu Csikszentmihalyis Big C.
Big C – selten revolutionär
Big C steht für die Momente, in denen Kulturgeschichte geschrieben wird. Wenn jemand etwas Neues schafft, das als so wertvoll anerkannt wird, dass es unsere Kultur auf einem wichtigen Gebiet nachhaltig verändert. Diese Art von Kreativität ist aussergewöhnlich – und sie zeigt, wie stark ein einzelnes Werk, eine Entdeckung oder eine Idee unser Denken, Handeln und unsere Gesellschaft verändern kann. Ein aktuelles Beispiel, das wir gerade live miterleben: der Einzug von KI in unsere Gesellschaft.
Sam Altman
trieb als Mitgründer von OpenAI die Entwicklung von GPT voran. Damit eröffnete er eine neue Ära künstlicher Intelligenz – eine Technologie, die unsere Art zu arbeiten, zu lernen und kreativ zu sein grundlegend verändert.
Diese grosse Kreativität tritt überall auf – in Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft, Literatur oder Design:
Frida Kahlo
machte ihr eigenes Leben, ihren Körper und ihr Leiden zum künstlerischen Thema – und veränderte damit das Bild der Frau in der Kunstgeschichte grundlegend.
Albert Einstein
stellte mit der Relativitätstheorie die damalige Physik auf den Kopf und eröffnete völlig neue Horizonte des Denkens.
Marie Curie
entdeckte zwei chemische Elemente, prägte den Begriff „Radioaktivität“ und war die erste Frau, die den Nobelpreis erhielt.
Thomas Edison
brachte mit der Glühbirne nicht nur eine Erfindung hervor – er revolutionierte damit die Gesellschaft.
Rosalind Franklin
lieferte die entscheidenden Röntgenaufnahmen, die das Doppelhelix-Modell der DNA erst möglich machten.
Jane Goodall
veränderte unser Verständnis von Tieren, indem sie Schimpansen als fühlende, denkende Individuen zeigte.
Yvon Chouinard
übertrug Patagonia 2022 an eine gemeinnützige Stiftung. Damit stellte er Nachhaltigkeit radikal ins Zentrum einer ganzen Branche – und das klassische Modell „Firma für Gewinnmaximierung“ – auf den Kopf.
Pina Bausch
machte Tanztheater zu einer neuen Kunstform: radikal, emotional, physisch – sie sprengte damit die Grenze zwischen Ballett, Theater und Performance.
Steve Jobs
verband Technologie mit Design und Intuition. Mit dem iPhone schuf er nicht nur ein Gerät, sondern revolutionierte die Art, wie wir kommunizieren, arbeiten und leben – ein kultureller Umbruch, der unseren Alltag bis heute prägt.
Toni Morrison
schrieb Romane, die afroamerikanische Geschichte und Identität literarisch ins Zentrum rückten – 1993 erhielt sie als erste afroamerikanische Frau den Literaturnobelpreis.
Grosse Kreativität bedeutet nicht nur, bahnbrechende Ideen zu haben, sondern diese so umzusetzen, dass sie Kultur verändern. Kreativität ist disziplinlos – sie passiert überall.
Little C – überall dazwischen
Little C ist alltäglich. Sie passiert, wenn Kinder beim Spielen eine neue Regel erfinden, wenn wir ein Gericht abwandeln, eine ungewöhnliche Lösung für ein Problem finden, wenn wir improvisieren. Sie verändert vielleicht nicht die Weltgeschichte – aber sie verändert uns. Überall Kreativität:
Kinder
Ein gefaltetes Stück Papier wird zum Hut, zur Schatzkarte, zum Zauberbecher. Spiele werden erfunden – Brettspiele, Ratespiele, Rollenspiele. Ein Stock wird zum Schwert oder zum Pferd, ist Zauberstab, Zwerg oder Malutensil. Wolkenbilder werden zu Drachen, Hasen, Einhörnern. Kinder erfinden sich die Welt – pausenlos. Sie verwandeln Alltägliches ständig in etwas Neues. Genau darin zeigt sich Little C in seiner reinsten Form.

© una seeli
Alltag
Du improvisierst beim Kochen, ersetzt fehlende Zutaten und entdeckst dadurch ein neues Lieblingsgericht. Eine Nachbarin organisiert ein spontanes Strassenpicknick, das Menschen zusammenbringt. Aus dem „Doodle“ am Rand eines Notizblocks entsteht ein Muster für ein Stoffdesign. Jemand versteckt eine kleine, handgeschriebene Botschaft an einem öffentlichen Ort – schreibst du zurück?
Kunst
Du schreibst Gedichte oder einen Fantasyroman, von dem niemand weiss, malst, erfindest neue Kuchenrezepte, komponierst heimlich Songs in deinem Keller oder baust eigene Möbel – vielleicht ohne Anspruch auf Öffentlichkeit.

© una seeli
Job
Ein Lehrer verwandelt eine Matheaufgabe in ein Rollenspiel. Eine Ärztin entwickelt eine einfache Visualisierung, die ihren Patient:innen komplexe Abläufe verständlich macht. Eine Handwerkerin erfindet eine kreative Lösung, um ein Bauproblem elegant zu lösen. Du sollst eine PowerPoint-Präsentation halten, doch die Technik streikt ...

© una seeli
Für Kinder ist Little C besonders wichtig. Denn hier geht es ums Erleben, Ausprobieren, Erfinden. Jedes neue Gedanken-Konstrukt, jede selbst gefundene Lösung ist ein kreatives Produkt. Das Neue liegt im persönlichen Bezug: Es war dieser Person vorher unbekannt. Und genau das macht es wertvoll. Little C verleiht dem Alltag Pepp – unscheinbar, aber unverzichtbar. Sie ist das Salz in der Suppe.
klein wird Kult
Manchmal werden kleine, unspektakuläre Ideen plötzlich gross – sie treffen den Nerv einer Generation, fangen den Puls der Zeit ein und verwandeln sich in Popkultur. Gerade heute passiert das scheinbar willkürlich: Eine beiläufige Idee – und plötzlich wird sie zum globalen Hype.
Emoji
Aus schlichten Textzeichen wurden kleine Bildsymbole – heute eine universelle Sprache der digitalen Kommunikation.
Fidget Spinner
Ein kleines Spielzeug, das in kürzester Zeit Klassenzimmer und Büros weltweit eroberte. Ein Symbol dafür, wie schnell sich eine simple Idee durch Social Media und kollektive Begeisterung in ein globales Phänomen verwandeln kann.
Crocs
Ursprünglich als funktionale Gummischuhe für Segler gedacht, galten sie lange als „hässlich“. Dann kam der Modehype – plötzlich Runway-Accessoire und Pop-Ikone.
Smiski
Smiski sind neugierige kleine Kreaturen, die im Dunkeln leuchten und sich in Ecken verstecken. Eine banale, fast beiläufige Idee – und doch wurde daraus ein weltweites Sammelphänomen.

smiski
Produkt oder Prozess?
„Im Unterschied zur Fantasie ist die Kreativität der Motor, der tatsächlich etwas hervorbringt.“ Am Ende steht also ein Produkt – ein Lied, ein Text, eine Skizze, eine Aktion.
Doch der eigentliche Schatz liegt im Prozess. Wir lernen dabei, mit Frustration umzugehen, Fehler auszuhalten, Ambiguität zu ertragen und die eigene Aufmerksamkeit zu lenken. Diese Erfahrungen sind genauso wertvoll wie das sichtbare Resultat.
Fazit: just do it
Kreativ sein heisst: anfangen, ausprobieren, machen. Das Produkt entsteht fast von allein. Es wird umso besser, je mehr wir uns auf den Prozess einlassen – ohne uns durch den Anspruch auf Perfektion blockieren zu lassen.
Ob Big C oder Little C: Kreativität zeigt sich dort, wo wir tätig werden. Nicht das Mass des Ruhms zählt, sondern dass wir gestalten, Neues wagen, ausprobieren und überhaupt ins Tun kommen.
If I do something I think is new, it will be misunderstood. But if people like it, I will be disappointed because I haven't pushed them enough. The more people hate it, maybe the newer it is... The place I am always looking for, is the place where I make something that could almost, but not quite, be understood by everyone.
– Rei Kawakubo

by daniel marchand - https://www.flickr.com/photos/143975503@N08/28787658490/, public domain
inspirierend:
Philippe Petit Looks Back on Historic Twin Towers Walk 44 Years Later

philippe petit



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