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6 hüte

  • Autorenbild: una seeli
    una seeli
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

kreativity unplugged

think wild – and take humor seriously

wix medien


systematisch agil

Manchmal stecken wir einfach fest – nicht, weil da zu wenige Ideen wären, sondern weil sie sich gegenseitig im Weg stehen. Im Kopf. Die Kritikerin moniert, während der Träumer in Visionen schwelgt. Die Analytikerin besteht auf solider Beweisführung, der Bauch ruft „Los! Hopp! Auf!" – Chaos im Kopf.

Edward de Bono, Arzt, Psychologe und Vater des lateralen Denkens, entwickelte genau dafür eine raffinierte Idee: die Six Thinking Hats – sechs Perspektiven, sechs Rollen, sechs Arten, auf dasselbe Problem zu schauen – bewusst getrennt und nacheinander, nicht gleichzeitig. Ein Rollenspiel für den Kopf. Und ein kluges Tool, um kreative Prozesse zu ordnen, ohne sie zu bremsen. Das klingt simpel. Ist es auch. Und genau deshalb funktioniert es.



wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Der Philosoph Richard David Precht stellt diese Frage in seinem gleichnamigen Buch, in welchem er auf Spurensuche geht und feststellt: Das Ich ist kein starres Konstrukt, es ist ein buntes Ensemble, ein wandelndes System aus Erinnerungen, Mustern, Haltungen. Wir sind nicht eine Person – wir sind viele Versionen von uns selbst. Wir wechseln Rollen, ohne es zu merken – Realist:in, Zweifler:in, Träumer:in, Kritiker:in. Identität entsteht in einem fortlaufenden Prozess – wir entwickeln uns ständig weiter. Innere Widersprüche sind also ganz normal. Sie betreffen uns alle.

Wenn Sie nie Ihre Meinung ändern, warum sollten Sie dann einen Verstand haben?

– Edward de Bono



nebeneinander denken

Genau hier setzt Edward de Bono an. Er hat diese inneren Stimmen als ein Gesamtsystem verstanden, das man nutzen kann. Seine Idee: Wenn wir die Rollen trennen statt sie kämpfen zu lassen, wird Denken klarer, kreativer – und überraschend ruhig.

De Bono entwickelte die Six Thinking Hats in den 1980er Jahren als Antwort auf ein Grundproblem menschlicher Kognition: Wir denken meist argumentativ – also gegeneinander. Ein Teil von uns sucht Fehler, der andere verteidigt. Diskussionen (im Kopf wie im Team) folgen oft dem Muster „Ja, aber…“. De Bono schlug vor, dieses Muster zu durchbrechen, indem wir Denken als Parallelprozess organisieren. Nicht gegen-, sondern nebeneinander. Jede Denkart bekommt ihre eigene Bühne und ihren eigenen Moment.



sechs Hüte für sechs Perspektiven

© una seeli


Weiss – Objektivität und Analyse

Weiss  steht für neutrales, analytisches Denken. In dieser Rolle beschäftigen wir uns nur mit Fakten, Zahlen und Daten. Wir vermeiden es, eine subjektive Meinung zu bilden und bewerten nicht.

→ Neutraler Modus des Sammelns – Fakten, Daten, Informationen. Was wissen wir wirklich? Was fehlt?


Rot – Intuition und Gefühl

Rot symbolisiert subjektives, emotionales Denken. In dieser Rolle bringen wir bewusst eine persönliche Meinung ein und betrachten positive wie negative Gefühle. Hier dürfen auch Widersprüche auftreten.

→ Emotionaler Resonanztest – Was sagt das Gefühl? Ohne Rechtfertigung, ohne Begründung.


Gelb – Chancen und Vorteile

Gelb ist das Gegenteil der Kritikerin, des Kritikers. Hier ist realistischer Optimismus gefragt. Alle positiven Argumente werden gesammelt – objektive Chancen, Nutzen, Stärken, Vorteile.

→ Konstruktiver Optimismus – Was spricht dafür? Was funktioniert? Wo liegen Potenziale?


Grün – Kreativität und Innovation

Grün steht für Innovation und Neuheit. Wir produzieren Ideen, spinnen, erfinden, assoziieren. Kritik ist hier tabu: alles kommt auf den Tisch, je wilder desto besser.

→ schöpferischer Denkraum – Neue Wege, Alternativen, Varianten.


Schwarz – Risiken und Stolpersteine

Schwarz repräsentiert die pessimistische Stimme der Kritiker:in. Wir konzentrieren uns auf objektive Argumente, die negative Aspekte und Schwachstellen hervorheben. Wir suchen Einwände und Risiken.

→ Kritischer Realitätscheck – Was könnte schiefgehen? Wo sind Grenzen, Stolpersteine, Schwachstellen?


Blau – Ordnung und Struktur

Blau sorgt für Ordnung, Durch- und Überblick. Wir übernehmen die Regie, fassen zusammen, strukturieren Ideen und Gedanken und planen nächste Schritte.

→ Denken über das Denken – Überblick, Ordnung, Struktur, Ablauf.


De Bono ging davon aus, dass produktives Denken entsteht, wenn man diese Rollen klar trennt. Denn wer gleichzeitig träumt und kritisiert, setzt sich selbst schachmatt.

Im Kern ist die Methode also eine Einladung zu Bewusstheit und Rollenbewusstsein im Denken. Ein Training der kognitiven Flexibilität – man verfeinert die Kunst der Wahrnehmung.



so geht’s

Die Six Thinking Hats eignen sich besonders gut für die Arbeit im Team – für gemeinsame parallele Denkprozesse. Ziel ist es, dass sich alle Teammitglieder in einer Denkrichtung bewegen. Die Technik funktioniert aber auch, wenn du sie für dich allein durchführen möchtest.

Eine Person stellt das Thema oder Problem vor und moderiert den Ablauf. Bei Bedarf werden die sechs Hüte vorgestellt. Jeder Hut steht für eine Denkhaltung, eine Perspektive – symbolisiert durch eine Farbe. Bevor es losgeht, ist wichtig, dass alle verstehen, wie diese Rollen funktionieren. Nachdem die Rollen geklärt sind, erfolgt die eigentliche Kreativarbeit nach folgendem Schema:


  1. Einleitung und Prozesssteuerung

    Die moderierende Person legt die Ziele und den Ablauf der Diskussion fest und koordiniert den Prozess. 

  2. Weisser Hut

    Das Team konzentriert sich auf reine Fakten und Daten, um eine sachliche Grundlage für die weitere Diskussion zu schaffen. Informationen werden gesammelt.

  3. Roter Hut

    Es werden Gefühle, Intuitionen und persönliche Reaktionen zum Thema geäussert, ohne diese logisch begründen zu müssen. 

  4. Gelber Hut

    Die positiven Aspekte, Chancen und Vorteile der Situation werden gesammelt. 

  5. Grüner Hut

    Neue Ideen, Alternativen und kreative Vorschläge werden entwickelt. 

  6. Schwarzer Hut

    Potenzielle Probleme, Risiken und Nachteile werden identifiziert und kritisch beleuchtet. 

  7. Blauer Hut

    Erkenntnisse werden zusammengefasst, Ergebnisse bewertet und die nächsten Schritte werden festgelegt. 


Visual Hack:
  • Visualisiere die Hüte – als echte Hüte, Karten oder farbige Marker. Je sichtbarer die Rollen, desto klarer das Denken. Wenn du allein arbeitest: nutze die Farben beispielsweise als Kapitel in deinem Notizbuch.

  • Die Reihenfolge der Hüte kann variieren, je nach Ziel der Diskussion. Wenn das Ziel beispielsweise darin besteht, neue Ideen zu generieren, sollte der grüne Hut früher eingesetzt werden als der schwarze Hut.

  • Eine mehrfache Wiederholung des Zyklus kann sinnvoll sein, solange frische Ideen und Gedanken geäussert werden.



was du davon hast

Ein Thema kann strukturiert durchdacht werden, ohne einseitig zu werden. Teamkommunikation und Selbstreflexion werden gestärkt und das kreative Denken befreit. Statt „Wer hat recht?“ lautet die Frage: „Unter welchem Hut denken wir gerade?“

Kontroverse Gedanken und Ideen können radikaler und offener geäussert werden, ohne dass die vorschlagende Person sich rechtfertigen muss. Das senkt Konfliktpotenzial und ermöglicht eine Öffnung im Denken – Kritik bleibt konstruktiv und Ideen lebendig.



Perspektivwechsel kann Kunst

Perspektivwechsel ist Wahrnehmungsschulung. Die Methode lässt sich auch als künstlerische Praxis lesen – als bewusstes Wechselspiel von Haltung, Wahrnehmung und Entscheidung.

Kaum jemand verkörpert das so konsequent wie Marina Abramović. Ihre Performances sind visualisierte Denkprozesse in Echtzeit: körperlich, emotional, mental – ein permanenter Rollenwechsel zwischen Kontrolle, Hingabe und reflektierender Beobachtung.


Roter Hut – das Gefühl

Ihre Performances sind emotional radikal. Schmerz, Nähe, Verletzlichkeit, Vertrauen – Abramović stellt sich ihren Empfindungen mit einer schier unerträglich ungeschützten Offenheit. Der rote Hut bedeutet hier: fühlen, ohne zu analysieren. Emotion als Werkzeug.

In Rhythm 0 (Neapel, 1974) legt Abramović 72 Objekte vor – von einer Rose bis zur geladenen Pistole – und überlässt sich sechs Stunden lang dem Publikum.

Diese Arbeit ist reiner roter Hut: emotional, ungeschützt, riskant. Sie erlaubt alles – auch Schmerz, Angst, Nähe. Das Gefühl ist der Rohstoff. Abramović sagte später, sie habe in diesem Moment „die Grenze zwischen Kunst und Leben vollständig verloren“.


Schwarzer Hut – das Risiko

Und immer gibt es den Moment des Zweifels. Viele von Abramovićs frühen Arbeiten (Rhythm 10, Rest Energy, Lips of Thomas) spielen mit physischer und psychischer Grenzüberschreitung – immer ist die Gefahr real. Der schwarze Hut steht hier für das Denken in Konsequenzen: Was, wenn der Körper aufgibt? Was, wenn das Publikum eingreift? Abramović betrachtet Risiko als Prüfstein: Ohne Gefahr kein Bewusstsein. Ohne Bewusstsein kein Verstehen.

Art must be dangerous. The moment it becomes safe, you don’t feel anything.

– Marina Abramović


Blauer Hut – der Überblick

Die Künstlerin arbeitet mit absoluter Klarheit. Ihre Aktionen folgen einer präzisen Struktur, fast rituell. Dauer, Aktion, Material, Energie – alles ist definiert. Sie beobachtet sich selbst beim Tun, führt den Prozess und bleibt gleichzeitig Zeugin. Das ist der blaue Hut in Reinform. In The Artist Is Present (MoMA, 2010) sitzt sie drei Monate lang still auf einem Stuhl, täglich sieben Stunden, exakt dokumentiert und streng strukturier: https://www.youtube.com/watch?v=Sf8o1teJdXo&t=50s

Die Arbeit wird zum Ritual, zur Übung in Bewusstheit und Präsenz. Denken über das Denken, Kontrolle über Form und Ablauf, ohne den Moment zu verlieren.

To be present means to control your energy, your body, and your mind – all at once.

– Marina Abramović


Weisser Hut – die Beobachtung

Abramović betrachtet ihr eigenes Tun mit der Präzision einer Forscherin. In The Artist Is Present werden Dauer, Blickkontakte, Reaktionen minutiös festgehalten; in ihren Tagebüchern beschreibt sie körperliche Zustände, Atemfrequenz, Konzentrationsphasen. Jede Performance ist zugleich Experiment und Protokoll. Kunst wird zum Versuchsfeld für Bewusstsein: Sie beobachtet sich selbst beim Erleben – eine Zeugin ihrer eigenen Energie.

My work is always about observing myself, like a scientist observing an object. Only that the object is me.

– Marina Abramović


by andrew russeth from new york - marina abramović, the artist is present, 2010, CC BY-SA 2.0


In ihrer Arbeit wechseln die Hüte nie willkürlich, sondern stets präzise – Emotion, Risiko, Struktur, Beobachtung – ein bewusst choreografierter Rollenwechsel – ein Kreislauf zwischen Hingabe und Kontrolle.



Fazit

Auch im Alltag hilft der Perspektivwechsel: statt zu urteilen – ausprobieren. Statt zu rechtfertigen – verstehen.

Kreativität ist nicht Chaos, eher eine gut geführte Improvisation. Die sechs Hüte ermöglichen dir, dein Denken zu ordnen, ohne es zu zähmen.

Viele Ideen zu haben, von denen einige falsch sind, ist jedenfalls besser, als immer recht zu haben und überhaupt keine Ideen zu haben.

– Edward de Bono




inspirierend:

Marina Abramović und die Kunst der Überwindung | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur


by shelby lessig - own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12133867

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