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ich mach mir die welt – oder umgekehrt?

  • Autorenbild: una seeli
    una seeli
  • 1. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Mai

kreativity unplugged

think wild – and take humor seriously

wix medien


Räume, Reize, Resonanz

Kreativität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie lebt im ständigen Wechselspiel zwischen uns und der Welt um uns herum. Unsere Umwelt wirkt wie ein Resonanzraum: Sie kann Ideen zum Schwingen bringen – oder sie im Keim ersticken. Ob wir Neues wagen, hängt nicht nur von unseren inneren Ressourcen ab, sondern auch von den Räumen, in denen wir uns bewegen, der Atmosphäre, die dort spürbar ist – und von den Menschen, mit denen wir in Beziehung treten. All das beeinflusst unsere Denk- und Handlungsweise.

„Kreativität braucht Reize, Spielräume, überhaupt gute Räume, Irritationen und Stimulation, die Perspektivwechsel provozieren – Inspiration. Und sie braucht ein Umfeld, das dazu einlädt, Fehler zu machen – Fehler sind Ausgangspunkte und Angebote“ (Rudeltier Kreativität).

Die gute Nachricht: Solche Umwelten lassen sich gestalten.



Spirit und Raum

Kreativität nur auf das Individuum zu beschränken wäre vergleichbar mit dem Versuch zu verstehen, warum ein Apfelbaum Äpfel trägt und dabei nur den Baum zu betrachten. Man ignoriert dabei die Sonne und den Boden, die den Baum unterstützen und sein Leben erst ermöglichen.

– Mihaly Csikszentmihalyi


Ideen brauchen mehr als Talent. Sie brauchen eine Atmosphäre, die trägt, und Räume, die inspirieren. Zwei Dimensionen sind entscheidend: der Spirit – wie wir miteinander umgehen – und die Gestaltung von Raum und Material. Beides sind Faktoren, die wir bewusst beeinflussen können. Und genau darin liegt ihr Potenzial: Sie haben massgeblichen Einfluss auf die kreative Performance.


steve jobs theatre, cupertino california – KI generierte visualisierung


Spirit schafft Kultur

Hier geht’s ums Feinstoffliche. Kreativität braucht eine Atmosphäre, die zwanglos ist, geprägt von Humor und Vertrauen. Wo freiheitliche Bedingungen herrschen – und Fehler nicht als Makel gelten, sondern als Teil des Prozesses.

Eine Kultur pro Idee heisst: Unterschiedliche Denkstile werden geschätzt und ausgefallene Meinungen werden nicht gleich belächelt, sondern als Anregung gesehen. Das klingt selbstverständlich – ist es aber im Alltag keineswegs.

Angst ist ein Kreativitätskiller. Wer ständig bewertet oder verurteilt wird, zieht sich zurück. Und landet in der sicheren, aber sterilen Zone der Anpassung.



und in der Schule?

Übertragen auf den Schulkontext heisst das: Wir brauchen Räume, in denen freies und angstfreies Agieren möglich ist. Starre Arbeitsbedingungen, zu viele Zwänge und bürokratische Vorschriften verwandeln Lernen in eine drückende Last und löschen jeden kreativen Funken aus. Freiheit bedeutet dabei nicht Beliebigkeit. Es braucht klare und verbindliche Spielregeln, die psychologische Sicherheit geben und gleichzeitig Spielräume öffnen. Nonkonformistisches Verhalten und problemlösendes Denken brauchen Ermunterung und Akzeptanz, damit sie sich zeigen.

Schule wird dann kreativitätsfreundlich, wenn Spontanität willkommen ist. Wenn Fragen nicht einfach mit fertigen Antworten abgehakt werden, sondern Kinder ermutigt werden, eigene Wege zu gehen, Unterschiedliches auszuprobieren und Lösungen selbst zu entdecken. In so einem Klima können sie ihr Denken wirklich erproben.


KI generierte visualisierung


Raum wirkt

Hier geht’s um das Greifbare: Räume, Materialien, Beziehungen, Architektur ist nie neutral. Sie beeinflusst unser Denken und Handeln und unsere Befindlichkeit.

Licht, Farben, Proportionen, Raumhöhe: All das beeinflusst, ob wir uns eingeengt fühlen oder frei, ob unser Denken fokussiert oder offen wird. Auch Materialien und Aufgabenstellungen spielen mit hinein. Je offener, überraschender und vielfältiger, desto stärker stimulieren sie Kreativität.

Die Forschung ist eindeutig: Architektur und räumliche Voraussetzungen sind entscheidend, wenn es darum geht, eine kreativitätsfördernde Atmosphäre zu schaffen.



und in der Schule?

Für Schulen heisst das: Räume, Materialien und Beziehungen bewusst gestalten.

Schulgebäude sind mehr als Hüllen für Unterricht. Sie können Kreativität bremsen oder beflügeln. Schulräume sind zentral: Sie sollten Wechsel ermöglichen – zwischen Konzentration und Entspannung, zwischen Struktur und Freiheit. Und sie sollen ästhetisch ansprechen – denn Kinder sind zutiefst ästhetische Wesen.

Kinder brauchen offene, herausfordernde Aufgaben, die weder langweilen noch überfordern. Hartmut von Hentig beschreibt „Sättigung, zu viele fertige Lösungen, auch zu viel Vor-Bereitetes, zu viel fertiges Gerät und Spielzeug“ als machtvolle Verhinderer für die Entwicklung kindlicher Kreativität. All das macht passiv. Kreativ werden Kinder erst dann, wenn sie an echten Problemen arbeiten dürfen, die sie aus eigener Kraft lösen können. Es geht darum, Fähigkeiten herauszuholen und nicht darum, passive Menschen mit vorgefertigtem Wissen vollzustopfen.



Architektur – eine starke Mitspielerin

Architektur wirkt – immer. Räume lenken uns: Licht, Farben, Formen, Proportionen beeinflussen Stimmungen und prägen nachweislich, wie wir denken.


PIXAR studios – KI generierte visualisierung


Ende der 1990er Jahre übernahm Steve Jobs Pixar. Als erstes stürzte er sich darauf, ein neues Firmengebäude zu planen. Für ihn war klar: Kreative Performance braucht Architektur, die Zufälle provoziert und Zusammenarbeit erleichtert.

Das Pixar-Gebäude wurde bewusst so entworfen, dass Menschen sich zwangsläufig spontan begegnen – zentrale Cafeteria, offene Treppenhäuser, grosszügige Flure. Helle Räume, viel Tageslicht – eine Architektur, die spontanen Austausch fördert.

Auch die Deckenhöhe macht einen Unterschied: Hohe Räume öffnen den Geist für abstraktes, freies Denken – so können wir uns offenbar besser von Stereotypen lösen.

Auch Farben und Licht spielen eine Rolle. Blau wirkt nachweislich kreativitätsfördernd. Tageslicht schafft Weite und Energie. Doch so wichtig wie Begegnung ist der Rückzug. Kreative Arbeit braucht auch Zonen der Ruhe, in die man sich zurückziehen kann, wenn Fokus gefragt ist. Gute Architektur verbindet beides: Austausch und Abschottung, Nähe und Distanz.

Kreativität wächst nicht nur im Kopf – sie wird auch von unserer Umgebung mitgeprägt. Gebäude können blockieren. Oder sie können zu wertvollen Mitspielern werden.


steve jobs building, emeryville – atrium – KI generierte visualisierung


Kreativität wächst dort, wo Räume inspirierend und Atmosphären vertrauensvoll sind. Spirit und Raum werden zum Resonanzboden. Wenn wir sie bewusst gestalten, prägen wir die kreative Performance entscheidend – und schaffen Kultur.




lesenswert:

Wohnen

Autorin: Doris Dörrie. Hanser Berlin, Berlin 2025, 1. Aufl., 128 S., ISBN 978-3-446-27963-6


doris dörrie – by foto: stefan brending, lizenz: creative commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de


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