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fast pefrekt

  • Autorenbild: una seeli
    una seeli
  • 16. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Jan.

kreativity unplugged

think wild – and take humor seriously

eigene collage inspiriert von portrait of you – pictures of youth and rebellion by leonardo veloce and davey sutton hero magazine


Hommage an die Unvollkommenheit, den Regelbruch und Erik Kessels

Fast pefrekt – dieser Titel ist geklaut – nicht aus Fantasielosigkeit, sondern als Hommage an einen klugen und grossartigen Kreativen unserer Zeit: Erik Kessels.

Heute geht’s um Perfektion – ihre Qualitäten, aber vor allem um die Fallgruben, die uns garantiert und ohne Umweg in die ödesten Wüsten der Langeweile führen – wenn wir nicht aufpassen.

Du kannst schön sein, oder hässlich, aber auf keinen Fall langweilig.

– Bob Dylan



Jagd nach Perfektion

Wir tun so, als wäre Erfolg die Summe von Null-Fehler-Tagen. Alles glatt, alles effizient, alles Social Media-ready. Vielleicht liegt genau darin das Problem: Unser gesellschaftlicher Anspruch an Perfektion ist nicht nur ästhetisch überfrachtet – er ist auch ein kulturelles Korsett. Alles soll stimmen, funktionieren, sich optimieren lassen. Fehler? Bitte möglichst lautlos korrigieren, falls sie nicht schon vermieden werden konnten. Doch wer sich permanent an ein Idealbild anpasst, verliert irgendwann den Mut zur Abweichung komplett. Zur Originalität. Zur echten Idee. Und wo soll da bitte noch etwas Neues entstehen? Denn, Kreativität ist kein gerader Weg, sondern ein Tanz mit dem Unvorhersehbaren – ja, einverstanden, nicht immer elegant, manchmal eher ein Ringen.


Perfektion als Massstab ist gesellschaftlicher Status Quo, das ist bequem – aber selten lebendig. Was wir brauchen, ist nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Vertrauen ins Unfertige. Denn genau dort liegt das verborgen, was zählt: Potenzial. Erik Kessels bezeichnet Scheitern radikal als einen Rohstoff. Fehler sind keine Makel, sondern die Sprungfedern für Ideen, die man nicht planen kann.

If you're not prepared to be wrong, you'll never come up with anything original.

– Ken Robinson



Makel und Mankos – Scheitern als Stilmittel

Ein verwackeltes Foto, ein Satz, der entgleitet, ein Plan, der implodiert. Genau hier wird es spannend. Scheitern zwingt uns, umzudenken, loszulassen die Perspektive zu wechseln – manchmal radikal. Das macht den Kopf weit und den Blick scharf. Wer immer auf „richtig“ zielt, verpasst das Überraschende – und landet bei ordentlich, sauber, vielleicht nett, aber oft seelenlos. Ich finde, es ist Zeit, Fehler nicht nur zu tolerieren, sondern sie schamlos zu feiern, zumindest wenn es um kreative Prozesse geht. Fehler sind Aufforderungen, Angebote, die wir clever nutzen sollten.


Viele Künstler:innen und Designer:innen arbeiten genau mit dieser Haltung – sie machen das Fehlerhafte zum Prinzip, den Zufall zur Methode und das Unperfekte zur Ästhetik.



Rei Kawakubo


Die japanische Modedesignerin und Gründerin von Comme des Garçons bricht systematisch mit Konventionen von Schönheit und Mode. Ihre Entwürfe wirken oft unförmig, asymmetrisch, roh – Kleidung, die sich weigert, zu gefallen – Punk. Kawakubo schafft Räume für das Unfertige und Uneindeutige, schafft Irritation und Brüche. Ihre Kollektionen feiern die Differenz, nicht die Perfektion. Das Unperfekte ist hier keine Ausnahme, sondern Konzept.

Die Kritiken zu Kawakubos Arbeiten sind meist brillant, aber die schlechten geizen nicht mit Urteilen wie "untragbar", "postatomar", „dieser schrumpelige, hoffnungslose Look“, „abgetragen und zerzaust “ oder, „die Mode hat einen Nervenzusammenbruch". Avantgardistisch bleibt ihre Arbeit vor allem deshalb, weil sie sich seit Jahrzehnten einer strengen Herausforderung stellt: nur Dinge zu schaffen, die wirklich neu sind. Was mir daran gefällt: die Frau löst Emotionen aus – und zwar, dass es kracht.

I wanted to change the usual route within my head. I tried to look at everything I look at in a different way. I thought a way to do this was to start out with the intention of not even trying to make clothes. I tried to think and feel and see as if I wasn’t making clothes.

– Rei Kawakubo



Kent Rogowski


Der in New York lebende Künstler erkannte, dass manche Puzzlehersteller dieselben Stanzmuster für verschiedene Puzzles verwenden. Rogowski nutzte dies, indem er begann, verschiedene Puzzle miteinander zu verschmelzen – so entstanden ganz neue Bildkompositionen. Die Werke sind irritierend und poetisch zugleich. Was eigentlich nicht zusammenpasst, ergibt plötzlich Sinn – oder zumindest Spannung. Fehlerhafte Übergänge, verdrehte Perspektiven, Brüche im Bild: alles Teil der Idee.

Rogowski arbeitet gegen die Vorstellung, dass Dinge „richtig“ sein müssen. Seine Puzzles zeigen: Kontrolle ist überbewertet. Schönheit entsteht auf eine neue Weise, wenn man Dingen erlaubt, zusammenzupassen, die eigentlich nicht füreinander bestimmt waren.

A creation that is technically wrong, but aesthetically just right.

– Erik Kessels



PUTPUT

objektdesigns von putpt


Das dänisch-schweizerische Künstlerduo PUTPUT bewegt sich präzise und zugleich spielerisch zwischen Objektkunst, Konzeptfotografie und Design. Ihre Arbeiten inszenieren Alltagsgegenstände in absurde, irritierende Kontexte – was vertraut scheint, wird verschoben, verdreht, verfremdet. Die Dinge verlieren ihre Funktion – und gewinnen eine neue Bedeutung. Was mir daran gefällt: PUTPUT machen das Absurde leise und erzeugen gerade dadurch eine enorme Kraft – die Bilder bleiben hängen.



John Baldessari



Der amerikanische Konzeptkünstler John Baldessari verwischte systematisch die Grenzen zwischen Kunst und Unsinn, zwischen Absicht und Zufall. Er spielte ein Leben lang mit Wahrnehmung, Autorität und der Idee, wie Kunst aussehen darf. Er übermalte Gesichter auf Fotografien mit farbigen Punkten, kombinierte Bilder und Sätze, die nichts miteinander zu tun hatten, und liess andere für sich malen, um seine eigene Handschrift zu vermeiden.

Wichtig waren ihm Neugier, Humor und Freiheit. Kunst musste nicht bedeutungsvoll, aber auch nicht gefällig sein. Seine Werke zeigen, wie produktiv das vermeintlich Absurde sein kann.



what do you think is the Secret of Creativity?

Letting go. In your head, losing control, letting go of your self-confidence. That feels very naked and then it comes in, I think. Then you can package it again and take it outside.

– Erik Kessels


Loslassen. den vertrauten Standpunkt verlassen. Die Perspektive radikal verändern – nicht ein bisschen, sondern so rigoros, dass es einen im ersten Moment erschreckt, vielleicht verstört – das Ziel ist hier, Extreme ausloten und sich fallen lassen, kein halbherziges Liebäugeln mit einer Variation des Altbekannten, sondern zeitweiliger Kontrollverlust. Ausrutscher machen das Alltägliche faszinierend – das meint Erik Kessels, der als Künstler, Kurator und Sammler bekannt dafür ist, das Fehlerhafte aufzuspüren und dem Misslungenen einen Platz in der visuellen Kultur zu geben.

Scheitern bezeichnet er als Rohstoff – als etwas, das Energie freisetzt, statt sie zu blockieren. Seine Bildersammlungen sind humorvoll, ehrlich und visuell entwaffnend. Sie zeigen: Wenn wir Perfektion loslassen, beginnen wir anders hinzusehen und neue Facetten der Realität zu erkennen.

Das ist ein zentraler Punkt: Etwas wirklich Neues kann nur entstehen, wenn wir Altes konsequent verlassen. Die meisten nicken nun und stimmen zu, während sie den weichen Sessel der Komfortzone ein Stückchen nach links oder rechts rücken. Das ist nicht gemeint damit.



creative Practice

Widersprich deinem Impuls, alles richtig machen zu wollen. Und schau, was passiert, wenn du den Fehler nicht vermeidest, sondern provozierst.

In Anlehnung an Kessels: Versuch, etwas nahezu Perfektes zu erschaffen. Das schönste Bild, das du je gemalt hast, ein atemberaubendes Blumenarrangement, das perfekte Soufflé, den makellosen Origami-Kranich.

Und genau dann, wenn du das Gefühl hast, du bist fast fertig, lass los. Lass das Soufflé zusammenfallen. Überlass es dem Nachbarskind, dem Blumenstrauss den letzten Schliff zu geben, vollende das Bild mit deiner "schwachen" Hand und falte den Kranich mit geschlossenen Augen fertig.


Vielleicht wird’s Murks, vielleicht Magie. Bestimmt findest du eine Ordnung, die du nicht geplant hast – vielleicht völlig unbrauchbar und vielleicht liegt genau darin eine Wendung, die verblüfft. Und ziemlich sicher wird die Spannung zwischen Perfektion und Abweichung ein sinnliches Erlebnis, welches das vermeintlich Fehlerhafte ins Rampenlicht rückt und den Schönheitsfehler absichtlich zelebriert. Manchmal steckt genau in diesem Moment die unvollkommene Vollkommenheit – wenn das Unerwartete, das Ungeplante übernimmt.

I only can wait for the chance for something completely new to be born within myself.

– Rei Kawakubo



Exkurs zum Schluss – Japan

Vor einigen Wochen schaute ich einen Film – The Outsider. Über die Geschichte lässt sich streiten, aber was für eine Wucht waren diese Bilder – was für ruhige, schlichte, unsagbar schöne Bilder – eine Million Nuancen von Schwarz.


the outsider 58:59


Das ist es, was mich so fasziniert an Japan: dieses zelebrierte Bewusstsein dafür, dass jede Kleinigkeit, jede Alltäglichkeit, unsere ganze Hingabe und Aufmerksamkeit verdient – alles beinhaltet alles. Nichts ist nebensächlich. Dieses unerschütterlich geduldige Streben nach Perfektion, im höchsten und tiefsten Bewusstsein darüber, dass das wahre Perfekte immer den unperfekten Moment inhärent hat, die Bruchstelle, den Fehler, das Schräge. Makellosigkeit ist flach, trivial, leer.


Perfekt ist für mich, in der vollkommenen Hin-, vielleicht sogar Selbstaufgabe, die Dissonanz an der richtigen Stelle einzubetten. Oder sie geschehen lassen zu können. Jedes Konzept über Bord zu werfen und die Schönheit darin zu erkennen. Die Spannkraft. Das pulsierende Potenzial. Das erzeugt eine tiefe, kraftvolle Resonanz in mir. Diese Schlichtheit, diese Demut trägt eine Kompromisslosigkeit in sich, die manche als Arroganz auslegen würden.

I’ve always felt an affinity with the punk spirit. I like that word ... Punk is against flattery, and that’s what I like about it.

– Rei Kawakubo




lesenswert:

Fast Pefrekt.

Autor: Erik Kessels. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016, 1. Aufl., 160 S., ISBN 978‑3‑87439‑901‑6


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