top of page

sehen worauf das auge fällt

Autorenbild: una seeli
una seeli
17. Juli
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

kreativity unplugged

think wild – and take humor seriously

by Wolfgang Tillmans - Own work, CC BY-SA 3.0


ich sehe was, was du nicht siehst

Es passiert immer dann, wenn ich allein auf Reisen bin – fast automatisch. Ich bewege mich an unbekannten, fremden Orten. Ich beginne intensiv zu schauen, die Sinne maximal geschärft, innerlich weit und offen – Wahrnehmung wird zum schöpferischen Akt. Ich fotografiere. Ich kritzle – skizziere – zeichne – schreibe – dokumentiere – gestalte.

Sehen ist kein neutraler Vorgang. Es ist Interpretation. Konstruktion. Auswahl. Unser Gehirn verarbeitet nur einen Bruchteil dessen, was es erreicht. Es priorisiert ständig – nach Relevanz, Erfahrung, Emotion. Deshalb fällt unser Blick nicht einfach irgendwohin. Er folgt einem inneren Skript. Künstlerische Prozesse beginnen genau hier: beim Bewusstwerden dieses Filters. Warum sehen wir, was wir sehen? Und wer hat uns beigebracht, so zu sehen?


zürich schwamendingen, 2025 © una seeli



selective attention

Selective Attention bedeutet: Wir nehmen vor allem das wahr, woran unser inneres Netz andocken kann. Der Rest verschwindet und bleibt unbewusst – nicht, weil er bedeutungslos wäre, sondern weil unser Gehirn überlastet wäre, würde es alles zulassen. Darum übersehen wir so viel – und darum sehen wir nicht alle denselben Ausschnitt von Welt.

Kreativität lebt von der Fähigkeit, den Aufmerksamkeitsfokus zu verschieben und die Perspektive zu wechseln. Weg vom Erwartbaren. Hin zu dem, was nicht sofort ins Raster passt, was irritiert, quer im Bild steht. Genau dort, in diesen Zwischenräumen, liegt oft das kreative Potenzial.

Anything I do will be an artistic gesture. It’s what I pick up, what I throw away.

– David Hammons



nebensächlich – beiläufig – unbeabsichtigt

Viele künstlerische Arbeiten entstehen aus Zwischenfällen: einem Riss im Papier, einem Schatten, einer Spur, die sich einschleicht. In der Kunstgeschichte taucht dafür der Begriff der „incidentals“ auf – Nebensächlichkeiten, die nicht geplant waren, aber Bedeutung erzeugen. Das Unbeabsichtigte wird nicht als Fehler interpretiert. Es ist ein Hinweis. Eine Einladung, sich zu öffnen – eine Aufforderung, anders, neu zu denken.


Der erste Schritt, um das Alltägliche in Kunst zu verwandeln, besteht darin, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Künstler:innen und Kreative tun genau das: Sie widmen dem Selbstverständlichen ihre neugierige Aufmerksamkeit, beachten das scheinbar Unnütze, Nebensächliche.


Hannah Höch

arbeitete mit Schnittmustern, Magazinen und Modefotografien aus ihrem Tagesjob in der Schnittmusterabteilung – Material, aus dem sie ihre ikonischen Dada-Collagen klebte.

„Ich möchte das Wunderbare aus dem Alltäglichen hervorheben.“


Helen Frankenthaler 

entdeckte ihre Soak-Stain-Technik, weil sie versehentlich zu viel Terpentin benutzte. Die Farbe versickerte in der ungrundierten Leinwand – und veränderte die Malerei der 1950er Jahre.

„There are no rules. That is how art is born, how breakthroughs happen.“


Merce Cunningham 

integrierte den Zufall in seine Choreografien. Bewegungen wurden per Würfelwurf entschieden – der Tanz entstand dort, wo die bewusste Kontrolle endete.

„I use chance operations not to escape choice but to break habits of the mind.“


Wolfgang Tillmans 

fotografierte oft das, was zwischen den Motiven lag – Reflexe, Tischkanten, Staubpartikel, zufällige Lichteinfälle. Der Nebenschauplatz wurde zum Hauptdarsteller.

„Ich versuche, die Schönheit des Alltags zu zeigen, ohne sie zu stilisieren.“


Tatsuo Miyajima 

liess in seinen Installationen digitale Zähler laufen, die manchmal „fehlerhaft“ reagieren. Diese Störungen sind kein Defizit, sondern Teil des Systems: eine Metapher für Unvorhersehbarkeit und Veränderung.

„Keep changing, connect with everything, continue forever.“ 


David Hammons 

machte Kunst aus Dingen, die ihm unterwegs begegneten: Schneebällen, Haarabfällen aus Friseursalons, weggeworfenen Flaschen. Die Stadt wurde Materialfundus.

„I like making art out of the garbage of the world.“


Yoko Ono 

verwandelte alltägliche Handlungen – ein Glas Wasser, einen Blick, eine Berührung – in performative Anweisungen (Instruction Pieces). Kunst entstand im beiläufigsten Moment.

„Pay attention to the little things. They are the seeds of everything.“


Alle diese Beispiele zeigen: Kreativität wächst oft nicht aus dem akribischen Durchexerzieren eines gefassten Plans, sondern aus einer Portion Offenheit für das, was sich uns im Prozess offenbart – das, was in den Lücken und Zwischenräumen aufblitzt. Das Nebensächliche ist ein Katalysator für Inspiration.



John Berger – eine Schule des Sehens

John Berger ist der Autor von Ways of Seeing, einem der einflussreichsten Texte der Kunstvermittlung. Berger stellte eine radikale Frage: Warum sehen wir, was wir sehen? Und: Wer hat uns beigebracht, so zu sehen?


Er zeigte, dass Sehen kein rein optischer Vorgang ist, sondern ein kultureller. Ein Blick ist selten neutral. Er ist geprägt von Erwartungen, Gewohnheiten, Machtstrukturen, Medienbildern. Berger machte sichtbar, dass wir nicht nur Bilder lesen – wir werden auch von Bildern gelesen. Unsere Vorstellung davon, was wichtig, schön, wahr oder bedeutend ist, entsteht viel früher, als wir denken.

Seine zentrale Erkenntnis: Bevor wir verstehen, ordnen wir. Bevor wir benennen, wählen wir aus. Sehen ist also bereits Interpretation. Damit wurde Berger zu einer Art Vorläufer der Idee von visueller Achtsamkeit. Er sensibilisiert für ein bewusstes, kritisches, selbstbestimmtes Sehen – ein Sehen, das sich der eigenen Filter bewusst wird. Bergers Ideen haben bis heute Bedeutung: Unser Blick entscheidet, welche Bedeutung wir überhaupt bilden können.

Don’t ask what the work is. Instead, see what the work does.

– Eva Hesse


augen-blicke – streets of barcelona © una seeli



creative practice

Kann man sehen üben? Man kann – und das recht einfach. Hier drei Ideen, die du jederzeit überall anwenden kannst. Sie unterscheiden sich im Vorgehen, aber sie folgen demselben Prinzip: wir schärfen den Blick, indem wir ihn führen, verlangsamen oder verkörpern.


entautomatisieren – Emanzipation vom Anerzogenen

Ein einfacher Rahmen aus Karton oder ein mit den Händen geformter Sucher genügt: Sobald wir den Sehraum begrenzen, verändert sich die Wahrnehmung. Der Blick auf einen Ausschnitt macht sichtbar, wie selektiv unser Blick ist – wie automatisiert wir die „Hauptsache“ suchen und wie viel dadurch am Rand verloren geht.

In der Kunstvermittlung gilt das Rahmensetzen seit jeher als Methode, den Blick zu entautomatisieren. Der kleine Rahmen macht uns aufmerksam für Beziehungen und überraschende Perspektiven. Er hilft uns, Sehgewohnheiten aufzubrechen – er legt offen, was John Berger meinte, wenn er sagte, Sehen sei immer schon Interpretation.

Sobald wir einen Ausschnitt zur Hauptsache machen, verschieben wir den Fokus. Wir trainieren den Blick, der präziser, offener und selbstbestimmter wird.


still, 2025 © una seeli


slow looking – die Zeit als Sehinstrument

Slow Looking setzt einen bewussten Gegenpol zum Tempo, das unsere Wahrnehmung bestimmt. Um überhaupt hinsehen zu können, müssen wir hinreichend entschleunigen. Das erkannte der Kunstkritiker Peter Clothier, nachdem er Meditation für sich entdeckt hatte. Er realisierte, dass er oft mehr Zeit mit den Informationsschildern verbrachte als mit dem Gemälde, das er eigentlich sehen wollte.

Aus dieser Einsicht entwickelte er seine „One Hour / One Painting“-Sessions: Museumsbesucher:innen werden dazu animiert, eine Stunde lang nur ein einziges Bild zu betrachten. Seine Idee wurde zum Erfolg – inzwischen bieten zahlreiche Museen solche Slow-Looking-Formate an. Die Erfahrung ist verblüffend: Wer lange schaut, sieht anders. Die Qualität der Wahrnehmung vertieft sich. Langsames Sehen wird zur Erkenntnispraxis – zur Spurensuche. Jede Spur erzählt eine Geschichte – und wir stehen in Beziehung zu ihr.



drawing – a way of looking

Zeichnen ist eine der radikalsten Methoden, die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Es verknüpft Hand, Auge und Denken – und verwandelt Beobachtung in eine körperliche Handlung.

Drawing is a way of looking.

– John Berger


Der Illustrator und Zeichner Felix Scheinberger ergänzt: Wer zeichnet, schult nicht die Hand, sondern die Aufmerksamkeit. Zeichnen verlangt, Hypothesen über die Wirklichkeit ständig zu überprüfen: Wie verläuft diese Linie wirklich? Wo bricht das Licht? Was passiert an der Grenze zwischen zwei Formen?

Zeichnen zwingt uns, genau zu sein – es geht dabei nicht um Perfektion, sondern um mehr Verstehen. In dieser Verkörperung liegt die Tiefe: Zeichnend erkennen wir nicht nur, was wir sehen – sondern auch, wie wir sehen.


skizzen © una seeli



sehen – im Dialog zwischen innen und aussen

Vor einiger Zeit habe ich einen Workshop bei einer Tänzerin besucht. Den Workshop haben wir mit einer Sehübung begonnen. Die Hälfte der Gruppe sollte sich bewegen, die andere Hälfte einfach zuschauen. Die Zuschauenden wurden sensibilisiert, ihre Rolle als eine aktive zu betrachten. Ihre Präsenz energetisiert und gestaltet die Performance auf der Bühne mit. Dadurch gehen die Zuschauenden ebenfalls in eine Haltung der Verantwortungsübernahme für das Geschehen. Zuschauen ist keine passive Rolle. Als Betrachtende:r bist du mitverantwortlich. Es liegt an dir, wie inspirierend die Welt sich offenbart.

Mach dein Seherlebnis zu einem interessanten Erlebnis.

hauswand in barcelona © una seeli


Kreativität beginnt mit der Bereitschaft, überrascht zu werden. Mit der Fähigkeit, die Welt nicht nur anzuschauen, sondern sich von ihr durchkreuzen zu lassen. Sich berühren und durchdringen zu lassen, von dem was wir betrachten.

Sehen um des Sehens willen ist eine Entscheidung für Offenheit. Und Offenheit ist der Anfang jedes kreativen Akts – jedes sozialen Akts.

Und nun lasst uns den Schnee betrachten bis zur Erschöpfung der Kräfte.

– Matsuo Bashō




creative practice

Geh in ein Museum. Setz dich an den Strassenrand. Und schau – praktiziere slow looking.


somewhere in barcelona © una seeli


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page