free writing

Aktualisiert: vor 4 Stunden
kreativity unplugged
think wild. and take humor seriously.

© una seeli – nach the happy film
schreiben als Bewegung
Schreiben. Nicht klug. Weiter. Auch wenn du noch nicht weisst, wohin das führt.
Free Writing lauscht auf innere Impulse – es beginnt in diesem Moment des Hineingehens. Worte kommen in Bewegung, ohne Anspruch auf Sinn und Gefälligkeit. Free Writing ist unordentlich – lebendig. Wir lassen uns treiben, absichtslos und offen.
Es geht nicht darum, etwas Geistreiches zu sagen, sondern innerlich etwas in Gang zu setzen. Wir gehen in die Rolle der neugierigen Betrachter:in. Was zeigt sich mir? Kontrolle wird durch Bewegung ersetzt. Gedanken dürfen stolpern, Sätze dürfen abbrechen, Wörter dürfen sich wiederholen – auch seitenlang. Nichts wird korrigiert. Alles ist erlaubt – ausser den Stift abzusetzen und den Schreibstrom zu unterbrechen. Schreiben als Bewegung – nicht als Produkt. Das Schreiben soll das Denken überholen.
Ich schreib den Korken aus der Sprache. Ich mache Wörterlisten. Ich lese das und dann weiss ich, jetzt bin ich drin in der Sprache. Ich verwende nix, aber ich bin drin in der Sprache.
– Herbert Grönemeyer
Die Idee dahinter ist einfach: Kreativität ist schon da. Was sie hemmt, ist das Dauerrauschen aus Selbstkritik, Perfektionismus, Erwartungsdruck, innerem Kommentieren. Free Writing gibt all dem Raum, bis es leiser wird. Durchlässiger.
cut control – den Kopf freiräumen
Bekannt wurde diese Haltung für viele durch die Morgenseiten aus Der Weg des Künstlers von Julia Cameron. Die Autorin versteht Schreiben hier nicht als Ausdruck, sondern als Reinigung des kreativen Kanals. Nicht, um etwas zu sagen – sondern um Platz zu schaffen, damit überhaupt wieder etwas passieren kann.
Free Writing greift dieses Prinzip auf und löst es vom Ritual. Ungefiltertes Schreiben als Praxis der Befreiung.

dear brain, leave my head alone © una seeli
so geht’s
Free Writing funktioniert über Loslassen. Es ist kein literarisches Format, sondern ein Zustand. Ein Durchgang. Nur Schreiben. Jetzt. Hier. Weiter.
setz dir einen Rahmen
5, 10 oder 20 Minuten. Der zeitliche Rahmen entlastet dich davon, während des Schreibens Entscheidungen treffen zu müssen. Alternativ kannst du dir auch eine Anzahl Seiten als Richtwert nehmen.
und los – schreiben ohne Unterbruch
Dann schreibst du. Ohne Pause. Ohne Zurückgehen. Ohne Löschen. Der Stift bleibt in Bewegung, die Finger bleiben auf der Tastatur.
der Inhalt ist irrelevant
Banal. Repetitiv. Negativ. Chaotisch. Langweilig. Wenn nichts kommt, schreibst du genau das: „… nichts kommt, nichts kommt, nichts kommt ...“ bis etwas anderes übernimmt. Du wirst erstaunt sein, wie schnell dein Kopf auf eine neue Idee kommt, wenn er keine haben muss.
keine Bewertung
Es gibt kein Richtig oder Falsch. Analyse ist ausdrücklich unerwünscht.
aufhören, wenn die Zeit vorbei ist
Auch mitten im Satz. Nicht retten. Nicht glätten. Nicht kommentieren. Abbrechen.
Spielarten:
Freispiel
Kein Thema. Kein Anspruch. Spring hinein, schreib auf, was auftaucht – ohne Richtung, ohne Ziel. Ideal zum Entladen und Öffnen.
Schreiben durch Widerstand
Beginne bewusst mit dem, was blockiert: „Ich habe keine Lust …“ „Das bringt doch nichts …“ „Ich stecke fest bei …“ „Ich bin wütend …“
Nicht lösen. Nicht erklären. Einfach abladen und weiterschreiben.
Zeitlich verdichtet
Verkürze die Schreibzeit auf 5 Minuten.
Das erzeugt Zug: kein Innehalten, kein Denken. Kurz. Intensiv. Wirksam.
Write what disturbs you, what you fear, what you have not been willing to speak about.
– Natalie Goldberg
was du davon hast
Free Writing wirkt leise – strukturell. Es ermöglicht Zugang. Es entzieht der inneren Zensur den Boden. Sie wird überflüssig. Gedanken, die sonst im Hintergrund stören, fliessen ab. Zweifel, Ärger, Angst, Nebengeräusche verstummen.
Was entsteht, ist kein sofortiger Geistesblitz, sondern etwas Nachhaltigeres:
mehr innere Klarheit
weniger Angst vor dem leeren Blatt
ein stabileres Vertrauen in den eigenen Impuls
kreative Leichtigkeit ohne Leistungsdruck
The first draft is just you telling yourself the story.
– Terry Pratchett
Skizzenbuch der Sprache – a good damn thing
Man könnte Free Writing als das Skizzenbuch der Sprache bezeichnen. Wie schnelle Entwürfe vor einer Serie. Wie Proben ohne Publikum.
In künstlerischen Prozessen dient Free Writing nicht dem Werk, sondern dem Raum davor.
Für Schreibende bedeutet das: Free Writing und focused writing sprechen unterschiedliche Tonarten derselben Sprache. Sie stimmen sich aufeinander ein.
Für Künstler:innen, Gestalter:innen, Performer:innen: Worte werden zu Denkbewegungen und ermöglichen eine Öffnung.
In Gruppen erzeugt Free Writing eine besondere Qualität: Gleichzeitigkeit, Stille, Konzentration. Niemand kommentiert. Niemand reagiert. Alle sind in Bewegung. Das verändert Dynamiken leise.
Exkurs – écriture automatique
Die Idee, Sprache sich selbst zu überlassen, ist nicht neu. Écriture automatique entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im Umfeld des Surrealismus. Man experimentierte damit, Schreiben vom bewussten Denken zu lösen und direkten Zugang zu inneren Bildern, Assoziationen und Sprachströmen zu finden. Schreiben ohne Planung und Korrektur, dem ersten Impuls folgen, bevor Kontrolle eingreift. Der Text sollte nicht „gemacht“, sondern durchgelassen werden. Der Verstand galt als Störfaktor, nicht als Autorität.
Die écriture automatique war damals radikaler, experimenteller, auch ideologischer als Free Writing heute. Sie zielte weniger auf Klarheit oder kreativen Alltag und mehr auf Grenzüberschreitung, Unterbewusstes, manchmal auch Provokation. Das Schreiben wurde zu einer Handlung, die etwas sichtbar machte, das sonst verborgen blieb. Doch etwas Zentrales verbindet beide: die Erfahrung, dass Sprache sich verändert, sobald niemand mehr über sie wacht.
Free Writing teilt das Prinzip der Unzensiertheit, nicht aber den dogmatischen Anspruch. Was geblieben ist: die Erfahrung, dass Sprache in Bewegung kommt, sobald Kontrolle zurücktritt.
Oder anders gesagt: Die Surrealist:innen suchten das Unbewusste. Free Writing sucht den Durchgang.
Fazit
Free Writing ist kein Tool für bessere Texte. Es ist ein Tool für weniger Angst vor dem eigenen Ausdruck.
Wer regelmässig schreibt, ohne sich zu kontrollieren, schafft Vertrauen in den eigenen kreativen Prozess und macht die Erfahrung, dass Flow einsetzt, weil man tätig wird.
Und genau dieses Vertrauen ist das Fundament, auf dem Kunst entstehen kann.
lesenswert:
Einladung zum Schreiben. Ein Schreibjournal.
Autorin: Doris Dörrie. Diogenes Verlag, Zürich / Berlin 2021, 1. Aufl., 224 S., ISBN 978-3-257-07110-8




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