top of page

ich fühl's

Autorenbild: una seeli
una seeli
31. Juli
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Aug.

kreativity unplugged

think wild – and take humor seriously

street art lissabon © una seeli


Gefühlssache Lernen

Wir tun oft so, als wäre Lernen eine Sache des Kopfes: Input rein, Output raus. Aber Lernen ist kein Datentransfer. Lernen ist ein Körperzustand. Es ist Freude, Ärger, Anspannung, Neugier, Unsicherheit, Stolz. Beim Lernen ist das Nervensystem in Bewegung. Lange war das kein Thema in der Wissenschaft – heute wissen wir:

Begabung ist nicht «einfach da» – Begabungen sind keine statischen Eigenschaften, sie entwickeln sich dynamisch. Sie entstehen, wachsen, verändern sich – abhängig von Umwelt, Beziehung, Haltung und Gelegenheit. Psychosoziale Faktoren spielen dabei eine Schlüsselrolle: Wer sich wahrgenommen, sicher und gemeint fühlt, kann weit mehr entwickeln als jemand, die/der nur "leistet".



uncompromised

Gerade begabte Kinder brauchen deshalb mehr als Förderung ihrer kognitiven Stärken: Sie brauchen Resonanz, Zugehörigkeit, Feedbackkultur, Muträume. Damit verschiebt sich der Fokus: Begabungsförderung ist nicht primär Leistungsförderung, sondern Entwicklungsbegleitung. Mit anderen Worten: Positive Emotionen im Unterricht sind kein Nice-to-have, sondern die Basis für Lernen und Entwicklung.


Lernen ist emotional – immer. Freude, Ärger und Angst gehören zu den häufigsten Unterrichtsgefühlen – bei allen Kindern, unabhängig von ihrer Begabung. Der Begabungsforscher Thomas Götz zeigt in seiner Forschung, dass Emotionen im Leistungskontext erst seit ca. 25 Jahren beachtet und untersucht werden – mit erstaunlich klaren Erkenntnissen:


Superpower Freude

Freude gehört zu den stärksten menschlichen Emotionen. Und Achtung: Freude ist nicht gleich Spass.

Freude ist nachhaltiger, tiefer und stärker an Bedeutung gekoppelt. Dankbarkeit erzeugt Freude. Sie ist das emotionale Setting, in dem Kreativität, Problemlösen und tiefes Lernen überhaupt erst möglich werden.


Angst – Ärger – Wut

Angst kann kurzfristig pushen. Langfristig wirkt sie immer negativ und hemmend. Sie verkleinert den mentalen Fokus, blockiert Strategien, verhindert Tiefe. Ein Unterricht, der Angst erzeugt – bewusst oder stillschweigend – produziert Oberflächenlernen. Angst macht uns klein.


Ärger und Wut erhöhen Risikobereitschaft und offensives Verhalten. Wut weist uns darauf hin, dass eine Grenze missachtet und verletzt wurde. Wir werden wütend und versuchen dadurch, uns zu schützen.


unterschätzte Langeweile

Langeweile klingt harmlos. Ist sie aber nicht.

Langeweile ist nicht Entspannung – und kein kreativer Freiraum per se. Langeweile ist eine Stressreaktion, die zu Ausweichverhalten führt – manchmal kreativ, oft destruktiv. Sie entsteht, wenn etwas zu einfach oder zu schwierig ist. Oder wenn es uns nichts angeht. Langeweile verschwindet, wenn wir das, was wir tun, als für uns bedeutsam erleben.


Die Forschung zeigt klar: Sowohl Angst als auch Langeweile sind leistungsschwächend. Sie verhindern tiefe Verarbeitung, stören Motivation – und wirken manchmal bis in die Studien- und Berufswahl nach.



Emotionen sind sozial – und ansteckend

Die Begabungsforscherin Gerda Hagenauer hat es auf den Punkt gebracht: Emotionen im Unterricht sind nicht nur individuelles Erleben und somit Privatsache, sie sind Teil des Klassenklimas. Gefühle sind sozial – sie übertragen sich unmittelbar zwischen Menschen und beeinflussen somit die gesamte Interaktion im Raum. Das gilt für bewusst gezeigte Emotionen genauso wie für solche, die wir lieber wegdrücken wollen und die dann unterschwellig da sind. Auch Langeweile wirkt ansteckend: Sie breitet sich spürbar aus und beeinflusst nachweislich Dynamik, Engagement und Aufmerksamkeit. Gefühle sind Atmosphärenarchitekt:innen.

Unterrichtsklima entsteht also nicht nur durch Planung, sondern vor allem durch innere Beteiligung. Durch die Haltung, mit der wir im Raum stehen – die emotionale Präsenz, die wir einbringen.



Emotion ist Erkenntnisform

Kunst arbeitet seit Jahrhunderten mit dem, was im Unterricht oft unterbewertet wird: Gefühl als Erkenntnisform. Emotionen sind eine Form des Denkens. Sie öffnen Wahrnehmung, beeinflussen Fokus, machen Bedeutung überhaupt erst spürbar.


Mark Rothko

Der amerikanische Maler Mark Rothko wusste das. Seine Farbfeldmalerei ist kein ästhetischer Minimalismus. Was wie Reduktion aussieht, ist in Wahrheit Verdichtung – intensive Konzentration von Gefühl.

Die leuchtenden, atmenden Farbflächen sind gebaut wie Räume. Wer davorsteht, merkt: Das Werk denkt nicht für dich – es denkt mit dir. Rothko sah seine Arbeiten als Begegnungen mit menschlichen Grundgefühlen. Seine Bilder sind Schulung in emotionaler Präsenz.

I'm not interested in the relationship of color or form or anything else. I'm interested only in expressing basic human emotions — tragedy, ecstasy, doom.

– Mark Rothko


Agnes Martin

Ganz anders – und doch verwandt – arbeitet Agnes Martin. Ihre hauchdünnen Linien, fast unsichtbar, verlangen Präsenz: still, wach, empfänglich. Martins Kunst ist ein Training für die innere Ausrichtung. Für Konzentration als emotionalen Zustand.

Beauty is the mystery of life. It is not in the eye, it is in the mind.

– Agnes Martin


Lygia Clark

Und dann ist da die brasilianische Künstlerin Lygia Clark. Clark behandelte Kunst nie als Objekt, sondern als Erfahrung. Ihre „Bichos“ – faltbare Metallskulpturen – reagieren auf die Berührung der Betrachter:innen. Man bewegt sie, verändert sie, hört, wie sie klicken.



Wir lernen durch Tun: tastend, suchend, in Resonanz mit dem Material. In ihren späteren Objekten – Gummibänder, Muscheln, Atemschläuche – erforschte Clark, wie sehr Emotion körperlich ist. Wie Wahrnehmung sich verändert, wenn wir mit den Händen denken. Wie innere Zustände durch äussere Erfahrung sichtbar werden können.

Clarks Werk zeigt: Gefühl ist kein Nebenschauplatz. Es ist der Raum, in dem Erkenntnis entsteht. Ihre Kunst lässt uns spüren, dass Lernen nicht im Kopf beginnt, sondern im Kontakt – mit uns selbst, mit Materialien, mit anderen.

What interests me is to make you feel your own body, your own emotions.

– Lygia Clark


Diese drei Beispiele erzählen dasselbe, jede auf ihre Weise: Gefühle sind keine nette Beigabe des Lebens. Sie sind seine Textur. Sie bestimmen, wie tief wir wahrnehmen, wie weit wir denken, wie mutig wir ausprobieren.



ich sehe dich

Wahrgenommen zu werden erzeugt Resonanz und Sicherheit. Wir blühen auf, wenn wir uns gesehen fühlen – erkannt, nicht beobachtet. Das „ich sehe dich“ der Aufmerksamkeit ist eine der stillsten Formen von Zuwendung.


In der Entwicklungspsychologie spricht man vom „attuned seeing“: der Blick, der mitschwingt, der wahrnimmt, was zwischen den Zeilen geschieht. Nicht nur: Was tust du? Sondern: Wer bist du gerade?

Vielleicht ist es das Liebevollste, was wir einem Menschen schenken können: Ungeteilte Aufmerksamkeit – ohne Urteil. Ich sehe dich. Und du bist genug.




inspirierend:

Die Macht der Verletzlichkeit – Brene Brown redet bei TEDx über zwischenmenschliche Verbindungen – unsere Fähigkeit für Empathie, Zugehörigkeit, Liebe. Grossartige Frau! Grossartiger Talk!


1 Kommentar


Patrick Steger
Patrick Steger
31. Juli

Sehr inspirierend. Danke.

Gefällt mir
bottom of page