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fail. fail again. fail better.

Autorenbild: una seeli
una seeli
25. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Sept.

kreativity unplugged

think wild. and take humor seriously.

wix medien


mach die Fragen gross genug

Angst ist der Kreativitätskiller Nummer eins. Wer ständig bewertet, stigmatisiert oder sanktioniert wird, zieht sich zurück und sucht Sicherheit in der Anpassung. Kreativität aber wächst in Atmosphären, die freies Denken ermöglichen, Mut machen und Vertrauen schenken.

Fehler dürfen nicht nur passieren – sie sollen passieren. Denn sie sind ein Hinweis darauf, dass die Fragen, die wir stellen, gross genug sind. Sie zeigen, dass wir uns tatsächlich in unerforschtes Territorium vorwagen und Unbekanntes, radikal Neues ausprobieren. Wer kreativ arbeiten will, muss Routinen durchbrechen, um ungewöhnliche Wege gehen zu können. Das gelingt am besten in einer Umgebung, die angstfrei ist und psychologische Sicherheit bietet.

Viele Ideen zu haben, von denen einige falsch sind, ist jedenfalls besser, als immer recht zu haben und überhaupt keine Ideen zu haben.

– Edward de Bono


Konformität erzeugt Monokultur

Eine positive Fehlerkultur ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundbedingung für Entwicklung und Innovation.

Wo Fehler als Entwicklungshinweise verstanden werden, entsteht Offenheit: für neue Erfahrungen, für Experimente, für Ambiguität. Wo hingegen Angst vor Fehlern dominiert, verengt sich der Blick. Der Fokus verschiebt sich vom Entdecken zum Vermeiden. Neugier weicht Vorsicht, Exploration wird durch Absicherung ersetzt.


wix medien


Fehler wirken wie ein Seismograph. Sie zeigen, dass etwas ausprobiert wurde, dass Annahmen überprüft, Grenzen verschoben und Risiken eingegangen wurden. Wer versucht, Fehler um jeden Preis zu vermeiden, schützt sich zwar vor Irritation – blockiert aber genau jene Prozesse, aus denen originelle Ideen entstehen.

A mistake: The fear of making a mistake.

– Frank Bodin


Kreativität braucht Räume, in denen Unfertiges erlaubt ist, Fragen wichtiger sind als schnelle Antworten und Scheitern nicht als Makel gilt, sondern als selbstverständlicher Teil des Weges.



Scheitern? Part of the process.

Kreatives Arbeiten bedeutet, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Wer Neues schaffen will, kann sich nicht auf bestehende Lösungen berufen, sondern muss ausprobieren, verwerfen und neu ansetzen. Fehler sind dabei kein Betriebsunfall, sondern Teil des Prozesses. Ohne Scheitern gibt es keine echten Experimente – und ohne Experimente keine neuen Erkenntnisse. Jeder Fehlversuch liefert Informationen: darüber, was nicht funktioniert, wo Annahmen falsch waren oder welche Richtung weiterverfolgt werden sollte. Kreativität entsteht nicht trotz Fehlern, sondern oft durch sie.


Natürlich gilt das nicht für jeden Kontext. Niemand wünscht sich kreative Fehler im Operationssaal oder beim Flugzeugbau. Qualität, Präzision und Kontrolle bleiben dort zentral, wo Sicherheit und Verlässlichkeit unverzichtbar sind.


Kreative Prozesse profitieren nicht von Beliebigkeit – sondern von der Offenheit, dort Unsicherheit zuzulassen, wo sie Entwicklung ermöglicht.



mehr als Status quo

Unsere Kultur neigt dazu, Fehler als etwas Negatives zu betrachten – als Zeichen von Unfähigkeit oder mangelnder Kontrolle. In kreativen Prozessen wirkt diese Haltung jedoch lähmend. Wer Perfektion anstrebt, bleibt im Bekannten. Wer Fehler zulässt, geht weit genug und bleibt flexibel.

Innovative Lösungen entstehen selten beim ersten Versuch. Sie sind das Ergebnis von Wiederholung, Irrtum und Ausdauer. Fehler öffnen neue Perspektiven, zwingen zum Umdenken und bringen Ideen hervor, die auf direktem Weg nie entstanden wären. In diesem Sinn sind Fehler kein Gegenpol zum Erfolg, sondern oft dessen früheste Form.


a protea is not a flower – zeitz MOCAA cape town 2025 – foto © una seeli



Perspektivwechsel

Wenn Scheitern nicht als Endpunkt, sondern als Signal verstanden wird, verändert dies die Haltung grundlegend. Störungen werden zu Hinweisen, Umwege zu Chancen und das Unfertige zu einem wichtigen Zwischenzustand.

Viele der Erfindungen, die heute als genial gelten, entstanden nicht aus einem klaren Plan, sondern aus gescheiterten Absichten, Irrtümern und Zufällen. Genau diese Perspektive – Scheitern als Quelle von Innovation – steht im Zentrum der folgenden Beispiele.

Es gibt keine gescheiterten Experimente, sondern nur Experimente mit unerwartetem Ergebnis.

– R. Buckminster Fuller



geniale Fehler

Es gibt unzählige Geschichten über bahnbrechende Entdeckungen, die aus Fehlern hervorgingen und die die Kultur nachhaltig verändert haben – sie zeigen, wie produktiv Scheitern sein kann. Ich erzähle hier ein paar Beispiele.



Chips – Saratoga Springs, 1853

George Crum war Chefkoch im Restaurant des Moon’s Lake House im Kurort Saratoga Springs, New York. Ein Gast bestellt Bratkartoffeln – und schickt sie zurück. Er beschwert sich immer wieder: Zu dick, zu weich, nicht knusprig genug. Crum macht neue. Der Teller kommt zurück. Noch einmal. Und noch einmal. Irgendwann verliert Crum die Geduld.

Aus Trotz schneidet er die Kartoffeln hauchdünn, frittiert sie extra lange und salzt sie übertrieben stark. Unessbar, denkt er. Eine kleine kulinarische Rache. Doch statt sich erneut zu beschweren, ist der Gast begeistert und bestellt eine zweite Portion.

Was als genervte Trotzreaktion beginnt, wird zur Sensation. Die „Saratoga Chips“ verbreiten sich – erst regional, dann weltweit. Ein Gericht, das nie geplant war, wird zum Snackklassiker. Was wäre die Welt ohne Chips!



Post-it – USA, 1968

In den Forschungslabors von 3M arbeitet der Chemiker Spencer Silver an einem leistungsfähigen Klebstoff für den Flugzeugbau. Das Ziel: extrem stark, belastbar, zuverlässig.

Das Ergebnis: ein Klebstoff, der genau das nicht ist.

Der Kleber haftet nur schwach, lässt sich rückstandslos ablösen und verliert schnell seine Kraft. Für den vorgesehenen Zweck völlig unbrauchbar. Der Kleber landet in der Schublade – als gescheiterter Versuch. Kein Industriepartner interessiert sich dafür. Silver selbst nennt ihn einen Fehlschlag – bewahrt ihn aber auf, weil er anders ist.

Jahre später ärgert sich ein Kollege, Art Fry, darüber, dass seine Lesezeichen aus dem Gesangbuch fallen. Er erinnert sich an Silvers "nutzlosen" Klebstoff. Plötzlich ist klar: Genau diese Schwäche ist die Lösung.

Aus einem Fehlversuch entsteht ein neues Produkt – nicht, weil der Kleber repariert wird, sondern weil jemand seine Funktion neu denkt. Der Klebstoff wird nicht verbessert. Er wird umgedeutet.



Champagner – Frankreich, 1670

Im 17. Jahrhundert versucht man in der Champagne stillen Wein herzustellen. Bläschen gelten als Fehler. Sie bedeuten, dass etwas im Gärprozess ausser Kontrolle geraten ist. Flaschen platzen, Korken fliegen, Keller werden verwüstet. Winzer verlieren ganze Jahrgänge.

Besonders ärgerlich: Durch die kalten Winter stoppt die Gärung oft unfreiwillig. Im Frühling setzt sie erneut ein – diesmal in der Flasche. Der Druck steigt. Der Wein schäumt. Ein klarer Mangel an Kontrolle.

Auch der Benediktinermönch Dom Pierre Pérignon versucht jahrelang, genau das zu verhindern. Er experimentiert mit Trauben, Mischungen, Flaschen, Korken.

Pérignon bemühte sich lange vergeblich, die unkontrollierbare Entstehung der Bläschen zu verhindern. Die Gärung liess sich nicht stoppen, der Wein entzog sich jeder Kontrolle. Enttäuscht stand er kurz davor, die Arbeit eines ganzen Jahres wegzuschütten. Da beschloss er, seine misslungene Kreation zu probieren. Als er den sprudelnden Wein kostete, veränderte sich alles. Glücklich rief er: «Kommt schnell her! Ich trinke die Sterne!»

Aus einem gescheiterten Versuch war etwas Neues entstanden. Der Champagner war geboren.



hüpfende Knete – USA, 1943

Während des Zweiten Weltkriegs herrscht Gummiknappheit. Es wird fieberhaft nach einem Ersatz gesucht. Der Ingenieur James Wright experimentiert mit Silikonöl und Borsäure. Heraus kommt eine seltsame Masse.

Sie zerfliesst und reisst – und setzt sich wieder zusammen. Formt man jedoch eine Kugel und wirft sie gegen die Wand, springt sie wie ein Gummiball zurück. Für militärische Zwecke völlig unbrauchbar. Kein Ersatz, kein Durchbruch, kein Nutzen.

Aber: Sie macht Spass! Die Leute können nicht aufhören, damit zu spielen.

Die Masse wird weitergegeben, ausprobiert, herumgereicht. Kinder lieben sie. Erwachsene auch. Silly Putty wird zum Spielzeug. Kein technischer Durchbruch – sondern ein kultureller.

Ein Fehler, der nichts löst.

Ausser ein Lächeln.



was die Geschichten gemeinsam haben?

Alle vier beginnen mit einem klaren Ziel.

Und scheitern spektakulär daran.


Der Erfolg entsteht nicht, weil der Fehler korrigiert wird, sondern weil jemand innehält, neugierig bleibt und fragt: Was ist hier eigentlich wirklich passiert?

Manchmal liegt die Idee nicht im richtigen Ergebnis. Sondern im anderen.




lesenswert:

Geniale Fehler. Von glücklichen Unfällen & großartigen Missgeschicken

Autorinnen: Soledad Romero Mariño, Montse Galbany. Knesebeck Verlag, München 2019, 1. Aufl., 192 S., ISBN 978-3-95728-231-9



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