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der kreative prozess

Autorenbild: una seeli
una seeli
9. Okt.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Okt.

kreativity unplugged

think wild. and take humor seriously.

 somewhere in lissabon – foto una seeli


work in progress

Kreativität ist kein Knopf, den man drückt. Sie ist ein Prozess – manchmal geradlinig, oft verschlungen, immer voller Überraschungen. Ein Wechselspiel zwischen Offenheit und Fokus: Wir sammeln, spielen, verwerfen, verdichten. Kreative Prozesse sind universell. Egal ob wir einen Song schreiben, ein IT-Problem lösen oder ein neues Cookie-Rezept ausprobieren – das Muster ist dasselbe: Fragen stellen, Möglichkeiten ausloten, Ideen verknüpfen, auswählen und umsetzen.

Kreativität heisst, in offenen Systemen zu navigieren – Schritt für Schritt, mutig, geduldig, offen und neugierig. Und zu akzeptieren, dass auch Chaosräume dazugehören.



multimind – Kreativität braucht mehr als eine Art zu denken

Kreativität lebt davon, dass wir nicht in einer Spur bleiben. Einmal brauchen wir den weiten Blick, der Möglichkeiten auslotet. Dann wieder den Fokus, der schärft, sortiert, entscheidet. Kreative Prozesse funktionieren nur, wenn beide Denkarten zusammenspielen: das divergente (vielfältig, quer, offen) und das konvergente (fokussiert, analytisch, präzise).


Divergentes Denken zielt auf Vielfalt und Originalität, das bedeutet: die Fühler ausstrecken, möglichst viele Ideen, Richtungen, Perspektiven zulassen, spielen. „Thinking out of the box“ im Wortsinn. Es ist spielerisch, manchmal wild, immer neugierig – und bringt uns auf überraschende Fährten. Das divergente Denken kostet mehr Energie als Routineprozesse.


Konvergentes Denken ist der Gegenpol. Es bündelt, filtert, wägt ab und ist kriterienbasiert. Hier werden aus vielen losen Möglichkeiten die tragfähigen Ideen. Konvergentes Denken braucht Logik, Struktur, eine gewisse Disziplin – das, was später Umsetzung ermöglicht.


Multimind heisst also nicht „entweder–oder“, sondern bewusstes Umschalten können. Offen sein, wenn es ums Sammeln geht. Diszipliniert sein, wenn es ums Verdichten geht. Kreativität ist das Wechselspiel von freiem Denken und fokussiertem Schaffen – wir balancieren im Spannungsfeld von Chaos und Ordnung.


Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.

– Edward de Bono



Prozessanatomie


1. Situation verstehen

Am Anfang steht das Fragen. Wir analysieren ein Problem, hinterfragen Annahmen, sammeln Informationen und erkunden das Umfeld. Es geht darum, das Ziel zu klären – die Vision zu formen. Kreative Prozesse starten selten mit einer Antwort, sondern fast immer mit einem guten „Wie könnten wir …?“.


2. Erkundungsraum – Ideen finden, sammeln, fantasieren

Wir öffnen den Raum und machen ihn weit. Divergentes Denken heisst: Quantität vor Qualität. Wir wollen Vielfalt, Originalität. Wir sammeln möglichst viele Ideen, je verrückter, desto besser. Querdenken, Perspektiven und Denkebenen wechseln, spielen, entspannen. Kreativität braucht diesen freien Suchmodus, gerne humorvoll. In dieser Phase ist Selektieren verboten.


Möglichkeitsraum – in between, Chaos, Potenzial

In diesem dynamischen Raum zwischen Ideenfülle und klarer Lösung entsteht Chaos. Ordnungen zerfallen, Muster brechen auf – wir verwerfen, entdecken Unerwartetes, es zeigen sich ganz neue Zusammenhänge. Wir öffnen uns für andere Ideen, lassen neue Impulse zu. Hier liegt das grosse Potenzial.

Dieser Zwischenraum ist unbequem, weil er unsicher ist und Festgelegtes wieder verwirft. Aber genau hier entstehen unerwartete Kombinationen und echte Innovation. Wer den Zwischenraum zulässt, findet Impulse, die sonst verborgen bleiben.


3. Lösungsraum – konkretisieren, verdichten, selektieren

Ideen finden ihre Form – und Fokus. Konvergentes Denken bedeutet: Kriterien bestimmen, sortieren, ordnen, auswählen, testen, ändern, verdichten. Welche Ideen tragen wirklich? Welche lassen sich weiterentwickeln und konkretisieren? Qualität ist jetzt entscheidend. Gute Lösungen entstehen, wenn wir mutig reduzieren – und uns entscheiden.


4. Umsetzung – Lösungen realisieren

Zum Schluss wird’s praktisch: Ideen werden realisiert und umgesetzt. Erfüllt die Lösung die Anforderungen? Tauchen neue Fragen auf? Dann beginnt der Prozess von vorn. Kreative Arbeit ist iterativ – es kann sein, dass es mehrere Durchläufe braucht, bis das finale Ergebnis realisiert ist.



When I paint I'm completely on my own. I have no music. There is traffic outside - I don't hear it. I don't often bother to answer the phone. – Why should I?

– Rose Wylie



fail your way forward

Jeder kreative Prozess lebt von Irrtümern, Sackgassen und Umwegen. Fehler sind Treibstoff – kein Grund, den Bettel hinzuschmeissen. Wer Neues wagt, landet zwangsläufig daneben – und genau dort öffnet sich oft der entscheidende Raum für Erkenntnis. Fehler sind nicht das Gegenteil von Erfolg, sondern sein Rohstoff.

Picasso fertigte tausende Skizzen, bevor ein einziges Bild stand. J. K. Rowling wurde mit dem Manuskript zu Harry Potter von zahlreichen Verlagen abgelehnt, bevor es veröffentlicht wurde. Wir kennen solche Geschichten – und sie zeigen: Scheitern gehört zum Fundament grosser Erfolge.



produktiver Leerlauf

Auch Pausen spielen in kreativen Prozessen eine entscheidende Rolle. Im Zustand innerer Ruhe – beim Tagträumen, Spazierengehen oder Nichtstun – entstehen besonders viele neue Verbindungen im Gehirn. Kreativität gedeiht im Leerlauf.

In diesen scheinbar untätigen Momenten werden diejenigen Hirnareale besonders aktiv, welche für innere Bilder, spontane Einfälle und assoziatives Denken zuständig sind.

Wenn das Gehirn offline geht, kommt die Fantasie in Fahrt.

– Bas Kast


KI generierte visualisierung


Gerade in Momenten, in denen der Verstand scheinbar abschaltet – etwa beim Duschen, Kochen, Meditieren oder beim Blick aus dem Fenster – beginnt das Gehirn im Hintergrund aktiv zu werden. Gedanken wandern, verknüpfen sich frei, neue Perspektiven tauchen auf. Was zuvor unverbunden erschien, kann sich neu verknüpfen – oft ganz ohne bewusstes Zutun. Viele gute Ideen entstehen genau dann, wenn wir nicht bewusst nach ihnen suchen.

Der Leerlauf ist die heimliche Werkstatt der Kreativität.



Practice. Practice. Practice

Jede Champions League begann auf einem Hinterhof. Kreative Meisterschaft auch. Dazwischen liegen tausende Stunden Training – man sagt, es braucht 10'000 Stunden, um Exzellenz in einem Bereich zu erreichen. Genau dieses Dranbleiben macht den Unterschied, denn Anwendungsroutine ist das A und O, auch wenn es um Kreativität geht.


Im Leben gibt es nur zwei Fehler: nicht anfangen und nicht den ganzen Weg gehen. Alles dazwischen ist Prozess, Übung, Erfahrung – practice, practice, practice. Das ist der Kern.

Inspiration exists, but it has to find you working.

– Pablo Picasso




inspirierend:

Björk erzählt in einem Interview über Chaos und Disziplin im kreativen Prozess – ganz wunderbar.


Björk – Why are you creative?


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