paper trail #6 – erhellend.

kreativity unplugged
think wild. and take humor seriously.

auszug aus kreativity unplugged © una seeli
go and make more beauty
Ich habe zwei Farbkonzepte ausprobiert.
Nicht einfach ein bisschen hin und her geschoben, sondern beide Varianten vollständig durchgespielt. Zwei Buchentwürfe, jeweils mit approach und practice. Seite für Seite durchgestaltet, ausgedruckt, nebeneinandergelegt, verglichen.
Ziemlich viel Aufwand für eine einzige Entscheidung.
Aber genau darum ging es: nicht darüber nachdenken, wie die beiden Varianten wirken könnten, sondern es herausfinden.
Das war sehr erhellend.

auszug aus dem journal von kreativity unplugged © una seeli
Variante eins: Die Seiten sind durchgehend in den drei Farben der kreativen Bewegungen gestaltet. Grün fürs Öffnen, Orange fürs Transformieren, Hellblau fürs Erweitern. Sämtliche Bilder in Schwarz-Weiss.
Variante zwei: Weisse Seiten mit schmalen farbigen Registerstreifen zur Orientierung. Bilder in Farbe und Schwarz-Weiss.
Ich hatte erwartet, dass die erste Variante aus dem Buch einen bunten Hund macht.
Und siehe da, das Gegenteil ist passiert.

beispiele farbkonzept 1 und 2 kreativity unplugged © una seeli
Ausgerechnet die durchgehend farbigen Seiten bringen mehr Ruhe ins Ganze. Die drei Bewegungen – öffnen, transformieren, erweitern – werden nicht bloss durch ein schmales Register markiert, sondern prägen den gesamten Buchraum. Die Orientierung funktioniert intuitiv, ohne dass man das Konzept zuerst verstehen muss.

beispiele farbkonzept 1 und 2 kreativity unplugged © una seeli
Die Schwarz-Weiss-Bilder halten die Farbigkeit zusammen, schaffen eine einheitliche Bildsprache und geben der Typografie mehr Präsenz. Das Ganze wirkt konsequenter, klarer und eigenständiger. Irgendwie selbstverständlicher. Die offene Fadenbindung dürfte von den farbigen Papierlagen zusätzlich profitieren.

beispiele farbkonzept 1 und 2 kreativity unplugged © una seeli

beispiele farbkonzept 1 und 2 kreativity unplugged © una seeli
Die zweite Variante erscheint zunächst zurückhaltender. Tatsächlich konkurrieren hier aber die farbigen Bilder stärker mit der Typografie und den Registerstreifen. Es entsteht mehr visuelle Unruhe, während die konzeptionelle Ordnung weniger deutlich hervortritt.
Das hat mich überrascht.
Weniger Farbe bedeutet offenbar nicht automatisch mehr Ruhe. Wieder eine dieser Erkenntnisse, die ich nicht gewonnen hätte, wenn ich bei meiner Vorstellung geblieben wäre, statt es am Gegenstand auszuprobieren.
Im Moment gewinnt Variante eins.
Die Experimente bleiben übrigens auf weissem Papier. Hier begegnen und überlagern sich die verschiedenen kreativen Bewegungen. Auch die Bildsprache darf ausbrechen. Bewusst gesetzte Ausreisser sorgen für Spannung und Überraschung. Die Gestaltung macht, wovon der Inhalt erzählt. Regeln brechen. Perspektiven wechseln. Erwartungen durchkreuzen.
Nicht nur darüber schreiben. Selber machen.

beispiele experimente farbkonzept 1 und 2 kreativity unplugged © una seeli

ausreisser experimente kreativity unplugged © una seeli
Silbenleichen und Hurenkinder
Dann kam Anna.
Und mit ihr eine neue Dimension der Detailarbeit. Ich dachte bisher, ich sei die Einzige, die sich dermassen komplett für Kleinigkeiten verausgaben kann. Mein gestalterisches Gespür traf auf ihr typografisches Handwerk. Und plötzlich waren wir zu zweit. Geteilte, pure Freude am perfekten ästhetischen Moment.
Wir haben uns Seite für Seite durchgearbeitet. Abstände korrigiert, Umbrüche verändert, Buchstaben verschoben. Manchmal ging es um den Abstand zwischen zwei einzelnen Zeichen.
Ich habe gelernt, was Silbenleichen und Hurenkinder sind. Und weshalb ein schöner Flattersatz nicht immer von selbst schön flattert.
Dass ein Text lesbar ist, bedeutet noch lange nicht, dass er gut gesetzt ist.
Besonders bei grossen Titeln und freien typografischen Anordnungen wird sichtbar, wie viel Feinarbeit nötig ist, bis etwas selbstverständlich aussieht.
Verschieben. Anschauen. Vergleichen. Zurückschieben. Noch einmal.
Ein Millimeter kann unglaublich viel verändern.
Das ist nicht kleinkariert. Das ist Liebe zum Design.

auszug aus kreativity unplugged © una seeli
Manchmal braucht es viel Zeit und Effort, damit etwas ganz einfach aussieht.
Ich habe bei dieser Arbeit auch meine Sicht auf Perfektionismus präzisiert. Nicht jedes Detail verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Aber manche eben schon.
Perfektionismus ist an der richtigen Stelle eine gute Eigenschaft. Eine verdammt gute.
Danke, Anna!
fine-tuning.
Am 4. April 2026 sah das Ganze noch ziemlich anders aus.
Wenn ich die damaligen Entwürfe neben den Stand vom 10. Oktober 2026 lege, wird sichtbar, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Hier liegen Welten dazwischen.
Nicht der eine grosse gestalterische Geistesblitz.
Sondern unzählige Versuche, Korrekturen und kleine Entscheidungen. Über Schriftgrössen, Proportionen, Weissraum, Zeilenumbrüche, Farben, Bildausschnitte. Und immer wieder über das Verhältnis von Inhalt und Form. Jede einzelne Entscheidung verändert etwas.
Und irgendwann beginnt das Ganze zu stimmen.

vorher – nachher © una seeli
Was mich dabei besonders interessiert: Mir wird zunehmend klar, dass ich hier nicht einfach ein zuvor fertig gedachtes Konzept gestalte. Das Konzept verändert sich beim Gestalten. Ein komplexer Organismus, der wächst und reagiert.
Beim Gestalten werden Fragen sichtbar, die sich am Schreibtisch gar nicht gestellt haben. Eine Idee funktioniert auf dem Papier anders als im Kopf. Ein Ausdruck wirft neue Fragen auf. Eine vermeintlich kleine Veränderung kann plötzlich eine ganze Seite kippen. Manchmal sogar die Richtung einer Entscheidung.
Manches versteht man erst, wenn man es vor sich sieht. Und manches erst, wenn man es verändert. Das ist anstrengend. Und ziemlich grossartig.

auszug kreativity unplugged vom april 2026 © una seeli

auszug kreativity unplugged vom oktober 2026 © una seeli
Nicht auf Details herumreiten?
Ja. Solange es Belanglosigkeiten betrifft.
Alles andere ist Design.
Right?
The details are not the details. They make the design.
— Charles Eames



Kommentare