paper trail #5 – still

kreativity unplugged
think wild. and take humor seriously.

Bre Pettis & Kio Stark, The Cult of Done Manifesto, 2009 – https://medium.com/@bre/the-cult-of-done-manifesto-724ca1c2ff13
Still learning. Still doing.
Der Sommer war nicht besonders still.
Das Buch ist gewachsen, geschrumpft, verrutscht, wieder zusammengebaut worden. Ich habe Layouts getestet, Schriften gewechselt, Zeilenabstände verflucht, überhaupt viel geflucht, Farben verschoben und ziemlich viel Papier verbraucht.
Und irgendwo dazwischen ist mir bei der Recherche das Cult of Done Manifesto von Bre Pettis und Kio Stark begegnet. Es entstand 2009 als Manifest für kreative Arbeit – dreizehn kurze Sätze gegen Perfektionismus, Aufschieberitis und die Illusion, man müsse zuerst alles verstehen, bevor man beginnt.
Pettis war damals in der Maker- und Designszene aktiv und später Mitgründer von MakerBot. Gemeinsam mit der Autorin und Forscherin Kio Stark schrieb er das Manifest. Und zwar in zwanzig Minuten. Einfach weil sie genau zwanzig Minuten dafür hatten und nicht mehr.
Passender kann man ein Manifest über das Machen eigentlich kaum schreiben. Pettis beschrieb es später als einen jener Momente, in denen die Ideen einfach aufs Papier flogen. Für mich blieb vor allem ein Gedanke hängen: Machen ist ein Weg des Verstehens. Nicht umgekehrt. Das passt wunderbar.
Soweit, so gut.
Eine andere bahnbrechende Erkenntnis dieses Sommers: Ausdrucken.
Immer immer immer ausdrucken.
Auf dem Bildschirm sieht vieles fantastisch aus. Auf Papier plötzlich kein bisschen mehr.
Schriftgrösse, Zeilenabstand, Farbe, Proportion – Materialisierung ist nicht einfach der letzte hübsche Schritt. Materialisierung beantwortet konzeptuelle Fragen.
Und: jeden Abend eine Sicherheitskopie.
Mehr Kommentare braucht der Moment nicht.
Ich lerne weiter: Gute Lesbarkeit braucht eine gewisse Kompaktheit. Serifenschriften unterstützen die Lesbarkeit, wirken für mich aber schnell weniger frisch.
Hyphenation wird plötzlich doch interessant, wenn man schöne Flattersätze möchte. Und von Hand nachjustieren ist am Ende sowieso nötig.
Ein komplexes Konzept mit komplexem Inhalt verträgt nicht noch mehr Komplexität in Sprache und Gestaltung. Sondern Orientierung, Struktur und Klarheit. Das entlastet.
Spannender als all diese Einzelheiten ist für mich etwas anderes.
Ich wechsle bei der Arbeit an diesem Buch permanent die Rolle.
Ich schreibe. Bewege mich in Sprache, suche Begriffe, drehe, wende, verwerfe sie und probiere neu. Ich texte. Reize Sprache aus. Wie weit kann ich es treiben, sprachlich zu reduzieren, ohne den Inhalt zu verlieren? Oder zu verwässern?
Dann denke ich konzeptionell: Wie erzähle ich diese Geschichte? Wie lässt sich ein hochkomplexes Thema verdichten, ohne es kleinzustutzen? Wie bleibt es leicht und spielerisch, obwohl es in Umfang und Komplexität ein Dinosaurier ist?
Dann gestalte ich. Hier interessieren mich die visuellen Zusammenhänge – Rhythmus, Typografie, Fläche, Farbe und die Inszenierung eines Textes. Welche Bilder stützen den Text?



Dann entwickle ich Experimente und frage mich, wie aus einem Gedanken eine Erfahrung werden kann.
Und dann sitze ich vor einer Anleitung aus drei Sätzen und stelle fest: Kurze, treffende Anleitungen zu schreiben IST Rocket Science.
Witzig und klug gleichzeitig zu sein übrigens auch.
Und dann kommt noch eine Ebene: Wie übersetzt man eine Idee in ein einziges, möglichst schlichtes Bild? Visuelle Kommunikation. Kann man auch studieren.
Jedenfalls: Mit jeder Rolle verschiebt sich mein Blick.
Beim Schreiben ist Gestaltung zunächst Nebensache. Beim Inszenieren tritt der Inhalt einen Schritt zurück. Beim Entwickeln eines Experiments zählt plötzlich, was jemand tatsächlich tut, erlebt und entdeckt. Wie es sich anfühlt. Als Erfahrung. Körperlich.

Ich finde diesen Perspektivwechsel faszinierend. Anspruchsvoll sowieso.
Und während ich versuche, kreative Prozesse nachvollziehbar zu machen, durchlaufe ich sie permanent selbst.
Öffnen. Verwerfen. Ordnen. Zweifeln. Entscheiden. Nochmals anfangen.
Mit allen Ups and Downs. Und immer wieder im Flow.
Ich stecke inzwischen ziemlich tief drin. Bis zum Schopf, würde ich sagen.
Still working.
Still learning.
Still doing.

Creation is lifework, creation is how ... you spend your life. You cannot divide life and the creation. It's impossible.
– Yohji Yamamoto
inspirierend:
All das ohne Musik? Undenkbar.



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